Ex unum, pluribus

Wir bräuchten für den Menschen, für das Menschsein, eine Definition, die keine “genaue Bestimmung […] durch Auseinanderlegung und Erklärung seines Inhalts” verfolgt; eine Definition, die nicht synektochisch, in pars pro totoisierender Verallgemeinerung, von der eigenen, aber unerwähnt herhaltenden peer group auf die Menschheit schließt; eine Definition, mit anderen Worten, die im vollen widersprüchlichen Sinn, der in der Vokabel angelegt ist, “ent-grenzt”. Diese Definition wäre – eben als Ent-Grenzung – in vollkommener (oder eher doch unvollkommener?) Offenheit deiktisch, hinweisend, soll andeuten: sie zeigte nicht auf, was Menschsein heißt, sondern ließe sich zeigen, was Menschsein sein kann: altersschwach, ängstlich, arbeitslos, arbeitsunfähig, Ausländer, Bekannter, bisexuell, blind, debil, dement, emotional oder sozial vernachlässigt, Frau, fremdsprachig, Freund, geh-, lern-, sprechbehindert, Kind, im Koma liegend, krebskrank, lesbisch, liberal, Mann, misshandelt, Mutter, Nächster, Patchwork, querschnittsgelähmt, religiös, schwul, stumm, traumatisiert, Vater, verdrängt, Verwandter, Zwitter, anders.

Menschsein ist keine abstrakte Kapazität eines Kulturkreises, und reicht – und das ist das Paradoxe an uns – über den Menschen hinaus. Den kleinen, stichelnden, englischen Aphorismus, demzufolge ich meinen Hund umso mehr schätzen lerne, desto mehr Bekanntschaften ich mit Menschen schließe, unterschreibe ich ohne Vorbehalte: Ich liebe meine Hündin sehr viel mehr als sehr viele Menschen. Was mich schließlich zurück zur De-finition führt: Menschsein ist Beziehungsbereitschaft zur sozialen und dinglichen Umwelt. Auch wenn sie nicht gewiss ist, soll sie – im Zweifel stets für den kritisch Beäugten, Angeklagten, Ausgegrenzten – vorerst unterstellt werden.

3 Kommentare

  1. 4. Juli 2011 geschrieben in 23:04 | Permalink | Kommentar

    Ich habe da ein paar Notizen zur Problematik herumliegen, vielleicht wird irgendwann etwas daraus … eine Definition, die keine Definition ist, irgend etwas in dieser Richtung (aber warum überhaupt eine?).

    Zumindest ein schöner Splitter: Beziehungsbereitschaft zur sozialen und dinglichen Umwelt

    • phorkyas
      23. Juli 2011 geschrieben in 11:57 | Permalink

      Eben, das Bildnisverbot sollte es nicht für den Menschen gelten (Frisch). Allerdings ergibt sich dann vielleicht auch ein “double bind”: Einerseits muss ja eingeschritten werden, wann immer jemand seine Vorstellungen verabsolutiert und eine übergreifende Definition von Menschsein abgibt – andererseits ist es vielleicht auch eine Gefahr wenn es keine übergreifende Vorstellung von einem Wesen des Menschen mehr gibt, denn die einzelnen kognitiven Fähigkeiten, die Anthropina reichen ja gerade nicht aus…

      Reicht es also das Wesen des Menschen zu transzendieren, um beidem vorzusorgen?

      (In der Spektrum gab’s nen Artikel dazu: http://www.spektrum.de/artikel/1064603 – auch wenn der dann nur die kognitiven Fähigkeiten, Anthropina auseinandernimmt,.. die die Philosphen eh nicht anführen würden [gibt ja auch noch die Geheimwaffe Plessner?] – und dann kommt doch tatsächlich ein Unterschied: Kinder schon sollen höhere soziale Fähigkeiten entwickeln – der Mensch als soziales Tier – oder “Beziehungen”, wie Sie schrieben — vielleicht ist ja auch Bewusstsein mehr ein soziales Phänomen/Konstrukt?)

  2. 6. Juli 2011 geschrieben in 23:29 | Permalink | Kommentar

    eine Definition, die keine Definition ist […] (aber warum überhaupt eine?)

    Vielleicht: Weil wir vom Karussell, auf dem wir sitzen, nicht mehr absteigen können. Einer Gesellschaft (da haben wir das (Un)Wort schon wieder), in der Definitionen grassieren (die auf Defnitionen baut), kann man nur deutlich machen, wie man Definitionen loslässt, eben indem man definiert, nicht mehr definieren zu wollen. Es bleibt einem nur die diese Möglichkeit, diese Position: aus dem Negativen heraus immer wieder zu betonen, was man nicht alles meint.

Einen Kommentar schreiben

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.