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Ich bin kein Pirat, und verzichte auch in Zukunft auf einen Beitrittsantrag. Für Einige habe ich daher in folgender Sache keine Fernmelderechte. Trotzdem möchte ich feststellen dürfen: Ich bin verständnislos. Fast alarmiert.

Aber eben nur fast. Was wohl vielen ähnlich geht, denn irgendwie sind Verstand und Bauchgefühl inzwischen viel zu stumpf, zu zynisch, zu schockverdrossen, um wirklich alarmiert zu sein. Was da nämlich in Verteidigung des „Meinungsfreibeuters“ (Spreeblick) Bodo Thiesen demokratietheoretisch verdreht, was da moralisch umgedeutelt und imperativiert wird, ist keinen einzigen intellektuellen Cent wert. Und droht aus der Piraten- eine Pariapartei zu machen: einen politischen Zusammenschluss, der sich vor allem durch eine Grundhaltung des Alles und Jeden gewähren Lassens abgrenzt, und damit langfristig ausgrenzt.

Leider, will ich noch dazufügen. Denn in aller Deutlichkeit: Ich bin ein Freund dynamischer, fluider Mehrheiten. Ich teile die Parteienskepsis, kann den Rückzug aus der überkommenen politischen Landschaft nachvollziehen. Ich verstehe die Ablehnung gegenüber dem Parteienstaat. Aber wer par force mit dem Überlieferten bricht und es gerne einmal zu viel als einmal zu wenig als Überkommen entwertet sehen will, darf doch bitte nicht die moralischen und politische Lektionen der Vergangenheit ignorieren, nur weil sie vorgestern formuliert wurden.

Selbst mspr0 finde ich unter den hysterisierten Lauthälsen wieder, die für eine fundamentalisierte Verteidigung der Meinungsfreiheit und zugunsten der Inschutznahme eines latenten Geschichtsrelativierers argumentieren. Meine deutlichen Worte auch hier: Das ist unfassbar. Verzerrend. Dreist. Ach was. Das ist schwach. Politische Missbildung. Lieber mspr0, das kann doch nicht Dein Ernst sein?

Wenn man sich, wie mspr0 es so gern formuliert, zu den der Demokratie ihren großen Fans zählt, sollte man vielleicht vom Namen und der Person Bodo Thiessens abstrahieren, um das durch seinen Fall berührte politische Dilemma deutlicher freizulegen. Geht es nämlich nach den Freunden unbedingter Meinungsfreiheit; lässt man also Thiesen und seinesgleichen politischen Spielraum, toleriert, ja: toleriert man diese grundgesetzignorierende Denke zumindest implizit – wobei das „implizit“ nicht „stillschweigend“ heißen soll, sondern „grundsätzlich zustimmend“: Man „akzeptiert“ das geschichtsklitternde Argument schon dadurch, dass man es zur Diskussionsbasis macht. Ein „Recht auf“ kann unter Umständen allerdings einen „Bruch mit“, eine Verletzung, bedeuten. Genau vor diesem Hintergrund wird in politischen Fällen wie diesem Toleranz so schnell als Akzeptanz kolportiert. Die Piraten müssen sich also noch bewusst werden, dass Meinungen diskutabel sein mögen, verbale Gewalt aber nicht. Auch wenn ihre Partei nicht der Historikertag ist, wünsche ich mir da deutlich mehr accuratezza, deutlich mehr Gründlichkeit und Richtigkeit.

Dabei belassen, scharrt aber auch dieses Plädoyer lediglich an der Oberfläche der Sache. Dass eine solche moralische Lücke innerhalb der Piratenpartei überhaupt bestehen kann, liegt darin begründet, dass diese Lücke nicht „systemrelevant“ ist. Es geht den Piraten, überspitzt formuliert, nicht um gesellschaftliche Erinnerungspolitik, sondern um die Kanalisierung einer Aufbruchsstimmung unter Netzbürgern, die sich um Informationsfreiheit, Datenschutz- und Urheberrechtsfragen bemühen. Dass dabei, vorsichtig formuliert, „umfassendere“ Positionen, die man vertreten mag, in den politischen Hintergrund ausgeblendet werden, ist beinahe unvermeidlich. Der schmale Grat, den der Fall Bodo Thiesen aber markiert, ist eine gewisse „allgemeine Gleichgültigkeit“, die mit der Durchsetzung jedes Partikularinteresses einhergeht: Was der Bürger oder Stimmberechtigte von nebenan sonst noch denkt, meint, fordert, interessiert nicht, solange man eine Mehrheit findet, um das eigene gemeinsame Anliegen durchzusetzen. Man weiß um die fragwürdige Position des Nachbarn, ignoriert sie aber getrost. Und in diesem Augenblick, in dem die Unterstützung einer Position in Sachen netzpolitischer Freiheiten höher gewichtet wird als eine Stellungnahme in „grundsätzlicher“, und das soll heißen: verfassungsgrundsätzlicher Sache, ist bereits eine alte Figur unter neuem Gewand wiedergebelebt: die des politischen Nihilisten. Der politische Nihilist fällt vor allem dadurch auf, dass er nicht einmal sich selbst mehr der Nächste ist. Weil er von jeglichem Gemeinschaftsglauben abgefallen ist, hat er jeden Nächsten aufgegeben und ist sich selbst nur noch der Einzige. Der Einzigste. Der Erste und Letzte. Er koaliert zu diesem oder jenem – seinem – Zweck ausschließlich aus Zweck. Wie beispielsweise eben der, der seine Meinungs- und Informationsfreiheit mit rechten oder linken Stimmen durchsetzt.

Diese Gleichgültigkeit, dieser Egalitarismus, dem vieles, nur nicht das Eigene, egal ist, alarmiert mich. Aber eben nur fast. Denn am Ende der Woche ist mir das alles leider schon viel zu vertraut: Die Politik nach Marktgesetzen. Man guckt, was man möglichst billig kriegt, ohne nach der Herkunft zu fragen.

6 Kommentare

  1. Veröffentlicht 20.07.2009 in 23:11 | Permalink

    Schön.

    Was mich – in Unkenntnis dessen, was genau gesagt wurde – umtreibt ist, dass es einerseits nicht sein kann, dass alles unter dem Deckmantel der freien Meinung konsequenzenlos gesagt werden darf, aber – ich glaube Popper schrieb einmal ähnliches – ich muss schon triftige Gründe haben, eine Meinung gegen die ich mich rational bzw. argumentativ wenden kann, zu verbieten, denn auf nichts anderem als auf Kritik und Argument beruht das, was wir Demokratie nennen, und mit einem Verbot hebe ich (partiell) meine eigenen, demokratischen Grundsätze auf.

    Die politischen Nihilisten sind im parlamentarischen Alltag zugegen: Da arbeitet grün mit blau in Ausschüssen zusammen, man stimmt gemeinsam, nur um dann einige Zeit später gegen die Rechtsradikalen in der blauen Fraktion zu wettern. Glaubwürdigkeitssteigernd ist das nicht gerade, aber, ich fürchte, politische Opportunität, Alltag eben.

  2. Veröffentlicht 17.08.2009 in 22:41 | Permalink

    Die Kontroverse dreht sich im Großen und Ganzen um Thiesens Relativierung der Shoah – und ob seine Aussagen durch die Meinungsfreiheit gedeckt sind oder bereits eine Strafsache darstellen. Eine unglaublich peinliche Diskussion, die für mich zeigt, wie stark sich einige Teile der Nachwuchsgenerationen von der Geschichte isoliert haben.

    Politischer Nihilismus mag politische Opportunität, Alltag sein, und mein Frust über ihn unbedeutend sein. Aber ich sehe in mir noch nicht den Zynismus aufkommen, der diese Umstände so „komplizenhaft“ annimmt. Das reines Gemecker nüscht hilft, ist mir bewusst; trotzdem bleibt es für den Augenblick mein einziges Gegenmittel …

  3. Veröffentlicht 22.08.2009 in 23:48 | Permalink

    Solange jemand Argumenten zugänglich bleibt und keine Hetze, Gewaltaufrufe oder ähnliches betreibt, sehe ich keinen Grund einer Strafbarkeit. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, und ich fürchte man muss manche Ausrutscher zunächst tolerieren (oder zulassen), um ihnen dann zu begegnen (mit Argumenten, selbstverständlich). Was spricht dagegen?

    -

    Aufregen und meckern ist ein Anfang …

  4. Veröffentlicht 24.08.2009 in 09:48 | Permalink

    Ausrutscher tolerieren? Von einer Person, die in ein öffentliches Amt gewählt ist? Privat kann der gute Mann mir aus tun und lassen, was er möchte – aber als Mitglied einer Partei, die den Anspruch hat, bundesdeutsche Politik mitzugestalten, haben er und seine revisionistischen Äußerungen NICHTS, aber auch GAR NICHTS in der Öffentlickeit verloren. Niente. Nada. Null. Dem passiert kein Ausrutscher; Thiesen glaubt den Unsinn, den er kund tut. Das spricht ganz eindeutig gegen ihn.

  5. Veröffentlicht 25.08.2009 in 10:28 | Permalink

    Ich glaube nicht, dass es sich um verbale Ausrutscher handelt.

    Interessant ist eine Stelle, in der es eine Erklärung der Piratenpartei gibt, auch zum Überfall auf Polen 1939. Es gibt dort ein Sternchen vor oder hinter dem Wort „Überfall“, welches in der Fussnote dann (sinngemäss) erklärt wird mit: ‘Bodo: setze – Angriff statt Überfall’.

    Jetzt kann man in wissenschaftlichen Werken den deutschen Angriff 1939 auf Polen „Angriff“ nennen und auch „Überfall“. Aus semantischen Gründen wechselt man vielleicht einmal die Begriffe. Wenn ich jedoch das Wort „Überfall“ dezidiert ersetzt haben WILL zu Gunsten des Wortes „Angriff“ dann zeigt dies eine entsprechende Gesinnung.

    Man stelle sich nur das geschrei vor, eine andere „normale“ politische Partei hätte einen Kandidaten mit solcher Gesinnung in ihren Reihen!

  6. Veröffentlicht 25.08.2009 in 18:06 | Permalink

    Man stelle sich nur das geschrei vor, eine andere „normale” politische Partei hätte einen Kandidaten mit solcher Gesinnung in ihren Reihen!
    Ebend! Obwohl ich mich ja immer wieder an Roland Koch und seine Vorstellungen einer geregelten Einwanderungspolitik zurückerinnere. Thiesen und Koch: Zwei meiner Meinung nach ähnliche „rechte“ Positionen, die jedoch, weil unterschiedlich kontextualisiert, anders aufgenommen werden. Erstere ist ungültig; über zweitere kann man offen und ohne größere Konsequenzen verhandeln.


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  1. [...] möchte ich noch einige konkrete Beispiele aus dem öffentlichen Diskurs folgen lassen, die (neben dieser, von mir nicht weiter verfolgten Diskussion) Grund und Ursache waren, sich mit der Funktion, der Leistungsfähigkeit und den [...]

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