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nix nachhaltig

„Wir haben die Welt nicht von unseren Eltern geerbt, sondern nur von unseren Kindern geliehen“, hat man mal gesagt. Heute geht es uns, für uns, um „Nachhaltigkeit“, und wir zitieren anstelle eines „alten indianischen Sprichworts“ regionale Positionspapiere, den Fortschrittsbericht 2008 zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie oder die EU-Strategie für Nachhaltige Entwicklung, allesamt Entwürfe weitsichtiger, vorausschauender, verträglicher Haushaltsnutzung. Maßgeblicher Bezugspunkt für das Gros aktueller Ausblicke ist nach wie vor der 1987 veröffentlichte Bericht Our Common Future der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, in dem Nachhaltigkeit als grünes Wachstum, technischer formuliert: als Kompromiss zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum verstanden wird. Das gesamte Dokument ist um die Vision herum angelegt, „heutige Bedürfnisse zu befriedigen, ohne die Überlebensfähigkeit zukünftiger Generationen einzuschränken“. Der Kerngedanke, nur so viel zu ernten wie man sät, zählt inzwischen zu den Grundsätzen des reflexivmodernen common sense: Nachhaltigkeit – das ist mit Verlaub nichts weniger als eine längst überfällige Übersetzung des Gesellschaftsvertrags in einen übergreifenden Generationenpakt; eine verzeitlichende Interpretation des Satzes Rosa Luxemburgs, dass meine Freiheit dort aufhört, wo die meines Nächsten beginnt.

*

Der Blick auf diese Zukunftsdebatte verschiebt sich abrupt, sobald man das Schlagwort Nachhaltigkeit seines positiven Bedeutungskerns beraubt, um ihn etwas nüchterner als Langfristigkeiten zu betrachten. Denn das Adverb „nachhaltig“ verweist im weitläufigsten Sinn auf Strukturen, die das eigene Umfeld „auf längere Zeit anhaltend und wirkend“ prägen. Und was eine Rückschau auf die vergangenen vier Jahrhunderte Globalgeschichte lehrt, ist der Umstand, dass mehr noch als einzelne Strukturen ganze Systeme unsere Gegenwart „anhaltend und wirkend“ gestalten – und dies mit keiner unbedingt positiven Bilanz. Postkoloniale Geschichte kennt in diesem entstellenden Sinn kein anderes Thema: die anhaltende Gegenwart, die noch nicht bewältigte Geschichte, eben: die „Nachhaltigkeit“ des europäischen Kolonialismus und Imperialismus. Sie zeigt sich „concerned with colonial history only to the extent that that history has determined the configurations and power structures of the present, to the extent that much of the world still lives in the violent disruptions of its wake“, wie Robert Young in einem der Standardwerke des Fachs schreibt (Robert Young, Postcolonialism: An Historical Introduction. Oxford: Blackwell, 2001, S. 4).

Wer nun erwartet, dass ich Europa linksrevisionistisch unter historischen Generalverantwortung stelle und postkoloniale Eliten ihrer sozialen, wirtschaftlichen und machtpolitischen Verwicklungen freispreche, deutet meine Skepsis falsch. Ich bestehe allein auf die Notwendigkeit, europäische Sichtweisen zu verkomplizieren. Denn ein unvollständiger Rückblick auf unsere Geschichte – und Kolonialismus und Imperialismus einschließlich seiner Nachhaltigkeiten zählen zu unserer Geschichte – zieht unweigerlich ein lückenhaftes Verständnis unserer Gegenwart nach sich. Und dass die Aufarbeitung europäischer Kolonialgeschichte nach wie vor ausgeblendet wird, obwohl sie auch ein Stück Globalisierungsgeschichte wäre, führt bedauerlicherweise dazu, dass wir gegenwärtig im Entstehen begriffene Nachhaltigkeiten – und ihre Rückkopplung mit bereits bestehenden Nachhaltigkeiten – konsequent übersehen. Diese Verdrängung gefährdet auf lange Sicht die Visionen, die wir heute, für unsere kommenden Generationen, formulieren. Unsere Entwürfe drohen sich im Sinne Ernst Blochs als „rationale Utopien“ leer zu laufen, in denen „das Gegebene […] sich der Idee zu fügen“ hat. Im Ergebnis kommt „der [utopische] Gedanke nicht zur Wirklichkeit“, weil „die […] Wirklichkeit nicht zum Gedanken“ findet (Ernst Bloch, Freiheit und Ordnung, Abriß der Sozialutopien. Leipzig: Reclam (1985), S. 136).

Ich will versuchen, diese Mahnung konkret zu machen. Man spiele also idealisierten Fall durch, die Kernbereiche der Europäischen Nachhaltigkeitsstrategie -

1. Stabilisierung des Weltklimas durch Begrenzung der Treibhausgasemissionen und Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien; 2. Sicherung einer nachhaltigen Verkehrspolitik durch die Reduktion des Verkehrsaufkommens, die Förderung umweltfreundlicher Verkehrsmittel und die Internalisierung der externen Kosten im Verkehrsbereich; 3. Sicherung der öffentlichen Gesundheit – Reduktion giftiger Stoffe in der Umwelt, Lebensmittelsicherheit und Maßnahmen gegen antibiotische Resistenz von Bakterien; 4. Verantwortliches Management der Ressourcen; 5. Bekämpfung der Armut (Ziel der Lissabon-Strategie); 6. Demographische Entwicklung und Überalterung (Ziel der Lissabon-Strategie),

samt ihrer

wichtigste[n] Querschnittmaßnahmen: 1. Integration von Umweltzielen in die einzelnen Sektorpolitiken; 2. Maßnahmen zur Preispolitik, um die wahren Kosten verschiedener Produkte und Dienstleistungen zu integrieren; 3. [die Intensivierung von] Forschung und Ausbildung (Quelle) -

würden nahtlos umgesetzt. Man muss nicht bei Harald Welzers dystopischer Studie Klimakriege ansetzen, um die mittelfristig wahrscheinlichste Realisierungsvariante der Nachhaltigkeitsziele zu skizzieren: Ein Europa, das seine wohlständische Festung zu einer ökologischen Insel der Nachhaltigkeit ausgebaut haben wird. Die im Juni 2006 verabschiedete „Erneuerte EU-Strategie für Nachhaltige Entwicklung“ formuliert die gesetzten Prioritäten unmissverständlich (S. 2): „eine dynamische Wirtschaft und Vollbeschäftigung sowie ein hohes Maß an […] sozialem und territorialem Zusammenhalt“. Ganz richtig: Vollbeschäftigung. Dynamisches Wirtschaftswachstum. Sozialer und territorialer Zusammenhalt. Damit gewinnt die Prämisse, „heutige Bedürfnisse zu befriedigen, ohne die Überlebensfähigkeit zukünftiger Generationen einzuschränken“, ein eindeutiges geographisches Gesicht. Sie ist exklusiv europäisch.

Damit drohten bereits heute bestehende und eng verflochtene Ungleichheitstendenzen sich zu verschärfen. Nachhaltige Industrialisierung und Dienstleistung kostet – und ist damit tendenziell nur für die Gesellschaften finanzierbar, die heute bereits gewinnbringend wirtschaften. Gleichzeitig versprechen die weitreichenden Investitionen in Technologie und Know-how immense Gewinne zu generieren. In der Folge wird sich dieser ökologische Zusammenhalt, diese grüne Abschottung, fraglos auch wirtschaftlich spiegeln. Für diejenigen Staaten hingegen, die schon heute als Globalisierungsverlierer gelten, und selbst für viele Schwellenländer, bleibt nachhaltige Entwicklung kaum leistbar. Nachhaltigkeit wird für sie an den wohlwollenden Service der Europäischen Union geknüpft. Der wohl größte Selbstbetrug wäre allerdings ein pseudonachhaltiges Europa, das nach innen ergrünt und nach außen weiterhin neoliberal-selektiv über seine ganz und gar unnachhaltige Versorgung mit (Basis)Rohstoffen verhandelte. Das wäre die Geburt einer Weltrisikogesellschaft, in der Europa die Gefahren auslagert, die es selbst nicht zu bändigen imstande ist.

Das vielleicht als sehr grobe Richtungsanzeige, die Entwicklung für Wenige und Instabilität für alle ankündigt. Wir Europäer müssen – müssen! – daher anstelle der Aufbrüche unsere Verhedderungen aufarbeiten, um ein Verständnis und einen Blick dafür zu gewinnen, dass und wie stark strukturelle Abhängigkeiten mit anderen Weltregionen bestehen und fortbestehen werden. Die Tatsache, dass ein grünes Europa auch ein noch deutlicher globalisiertes Europa wird, scheinen die Nachhaltigkeitsstrategen zu verdrängen. Es ist schlicht und ergreifend weltentfremdet, sich einzubilden, unser Heute sei bedingungslos und unsere Zukunft doch noch irgendwie jenseits aller Zwänge frei gestaltbar. Daher der ethische Imperativ zum Altruismus, den man um der austrocknenden Motivation willen auch als Egoismus verstehen kann – wenn man denn heute bereits so intelligent und weitsichtig ist, die eigene, provozierende Überbevorteilung langfristig als nachhaltige Selbstgefährdung zu begreifen. Dafür aber haben sich die Europäer bislang noch nicht das schmerzliche, aber notwendige Eingeständnis abgerungen, dass ihre Wahrheiten von Gestern zu Fehlern der Gegenwart verwachsen sind. Denn erst damit stießen wir zum eigentlichen, vielleicht kulturphilosophischen Kern des Problems vor: Eingedenk der bestehenden und im Entstehen begriffenen Nachhaltigkeiten lässt unsere gegenwärtige Ausgangslage es überhaupt nicht zu, Wirtschaftswachstum und Ökologie auf einen tiefgrünen Nenner zu bringen. Der Glaube an die Lösung, mehr noch: an die Aufhebung dieser ungleichen Gleichung, beruht ja auf zwei sehr naiven Annahmen. Zum einen nämlich der, die (globale) Marktwirtschaft könne sozusagen sozialisiert werden, um uns in gebändigter Manier alle grün und glücklich werden zu lassen. Wäre alles Bio, lebten wir nicht nur nachhaltiger und gesünder, sondern auch fairer und einträchtiger. In dieser Vision versteckt sich darüber hinaus aber zweitens der sture, wissenschaftsverwurzelte Irrglaube, man könne jetzt, gegenwärtig, bereits nachhaltig andeuten, was in der und für die Zukunft gut sei – als ob man schon heute den Grundstein für die beste aller möglichen Welten setzen könnte. Auf diese zukünftig ausgerichteten Vorausversicherungen müssen wir zügigst verzichten lernen. Effektive, ehrliche Nachhaltigkeit verlangt nämlich nach absoluter Gegenwärtigkeit, nach einer ausschließlichen Verankerung im Jetzt. Nachhaltigkeit ist Vorläufigkeit.

Wie das? Ein Vorläufer ist ein Denker verschiedener Zeiten – seiner eigenen und der seiner Fortsetzer, seiner Nachfolger. Weil er weiß, dass die Zukunft nicht nur das ist, was auf ihn zu kommt, sondern auch das, was ihm zukommt – mit anderen Worten: seiner Verantwortung untersteht, versucht er unter allen Umständen zu vermeiden, die Zukunft mit einer Vergangenheit zu konfrontieren, für die sie, die Zukunft, nicht verantwortlich ist. In diesem Sinne handelt er minimal und beschränkt sich auf das für ihn Notwendigste, in dem er Langfristigkeiten, Nachhaltigkeiten, zu vermeiden versucht.

Wonach diese Vorläufigkeit verlangt, sobald sie ins Pragmatische übersetzt werden soll, macht Ulrich Beck deutlich: „Wir müssen […] Entwicklungsvarianten wählen, die die Zukunft nicht verbauen und den Modernisierungsprozeß selbst in einen Lernprozeß verwandeln, in dem durch die Revidierbarkeit der Entscheidungen die Zurücknahme später erkannter Nebenwirkungen immer möglich bleibt.“ (Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt (Main): Suhrkamp (1986), S. 294).

Nachhaltigkeit also als Revidierbarkeit, als Rücknahme und Selbstzurücknahme – das ist die nicht die ultimative, sondern die einzige, bescheidene Leitlinie. Unser gegenwärtiger Kurs dagegen ist nachhaltiger Ökoismus – ökologischer Egoismus.

14 Kommentare

  1. Veröffentlicht 05.07.2009 in 02:16 | Permalink

    Ich finde den Artikel wirklich gut, wobei ich mir ein schöneres Ende als die wenig konkreten Worte von Beck vorstellen könnte. Naja.

    Deine Forderungen und deine Kritik sind auch in meinen Augen angebracht. Ich möchte dennoch oder gerade deswegen auf die Problematik hinweisen, der Politikan ausgesetzt sind, wenn sie eine – wie du sagst – Politik des „ökologischen Egoismus“ forcieren. Wer will denn den grünen Wandel?
    Natürlich werden dir in der Theorie viele zustimmen, wenn es heißt, „wir müssen die Welt für unsere Kinder bewahren“. Aber das ist Theorie. In der Praxis leben die meisten Menschen in Deutschland halbwegs gut und wollen diesen Status auch weiterhin behalten. Noch weniger Verständnis werden diejenigen haben, die ohnehin schon am unteren Ende der Gesellschaft stehen. Wie gesagt: wenn es um die Inanspruchnahme des kategorischen Imperativs geht, sind fast alle dabei und springen aus dem Boot, sobald es um die konkrete Verhaltensweise geht.
    Ich würde behaupten, die Gesellschaft hat ganz andere Sorgen als ihre Nachhaltigkeit und deswegen haben Politikan auch wenig Spielraum bei der Umsetzung oder verspüren keinen Druck radikalere Töne anzuschlagen.
    Mit dem Argument „wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt“ kann man vielleicht noch ein wenig moralisieren, aber ich glaube, dass der Druck für eine nachhaltigere Politik (leider) aus den Reihen der Verlierer kommen muss. Leider, weil es momentan noch nicht wirklich viele Verlierer gibt und – sobald es sie geben wird – es eigentlich schon zu spät ist.

    Das klingt vielleicht etwas pessimistisch und ist es vielleicht auch. Was wir benötigen ist Solidarität, ist ein Gesellschaftsmodell, das weniger auf Gewinn und Verlust aufbaut und ich meine nicht verordnete Solidarität, sondern Solidarität von unten. Eine Art Kirche des kategorischen Imperativs. Vielleicht müsste man ein Exempel starten, um zu zeigen, dass es geht.

    • Veröffentlicht 09.07.2009 in 15:09 | Permalink

      Danke für’s Lob. Solchze Töne hab’ ich bisher noch gar nicht von Dir lesen dürfen … ;-)

      Drei Punkte:
      - [W]eil es momentan noch nicht wirklich viele Verlierer gibt? Global gesehen fällt die Bilanz eher gegenteilig aus, will ich doch deutlich meinen.

      - Natürlich hast Du Recht, was die fehlende Konkretheit meiner und ähnlich gerichteter Moralkritik anbelangt. Die argumentative Lücke klafft weit und offen; das ist nichts Neues. Es fehlt an einer ausgeglichenen globalgeschichtlichen Bestandsaufnahme: an einer Geschichte des Neokolonialismus, die sich freimacht von allem dependenztheoretischen Gedusele und Wallersteins Weltsystemtheorie. Das Konzept des „Neokolonialismus“ ist m.E. nach wie vor viel zu ideologisiert.

      - Deine Kirche des kategorischen Imperativs geistert schon eine ganze Weile als „globale Ökumene“ durch kosmopolitisch orientierte Debatten. Wie steht’s also um das Beispiel, mit dem Du vielleicht vorangehen möchtest?

  2. Veröffentlicht 08.07.2009 in 11:50 | Permalink

    Ein sehr interessanter Artikel. Sollten Sie noch weitere Informationen haben – wurde ich mich freuen

  3. Blogozentriker
    Veröffentlicht 09.07.2009 in 12:50 | Permalink

    Ihr Blog ist Spaß zu lesen! Auf einer Website habe ich Michael-Jackson-T-Shirts gefunden: http://www.michael_jackson_t_shirts.com.

  4. Veröffentlicht 09.07.2009 in 12:54 | Permalink

    @ blogozentriker: Deine Kommentare nehmen allmählich eine Vau’sche Wendung …

    • Blogozentriker
      Veröffentlicht 09.07.2009 in 15:30 | Permalink

      Rosa Luxemburg sprach doch aber von der Freiheit ANDERSDENKENDER, oder? So wurde es uns im Sozialkundeunterricht immer gepredigt … Du gehst den logischen Schritt weiter und christianisierst das Zitat auf den lieben Nächsten zu.

      Wie auch immer, jedenfalls haben all diese Sätze, die ich da lese, diese klugen, besonnenen Verlautbarungen, insofern etwas Geisterhaftes, als hier unter Zukunft nach meinem Verständnis immer die Zeit bis zum gemeinsamen Abendessen, das den Abschluss der Tagung bildet, verstanden wird. Wir sind keine Sekunde außerhalb von Tutzing. Ich finde, es ist alles reiner Jargon, Sprache, die sich selbst spricht und dann leise aufstößt. Ulrich Becks Satz: „Wir müssen […] Entwicklungsvarianten wählen, die die Zukunft nicht verbauen und den Modernisierungsprozeß selbst in einen Lernprozeß verwandeln, in dem durch die Revidierbarkeit der Entscheidungen die Zurücknahme später erkannter Nebenwirkungen immer möglich bleibt“ — was ist das, Willyam, wenn nicht reines Blabla auf mittlerem Niveau? Verdauungsgeräusche? Das müsste einem doch peinlich sein, wenn man so einen Soziologen-Ruf hat — klar rutscht einem so was mal raus, aber dann gibt’s heute doch die bequeme Delete-Taste, oder? Wie siehst Du das? Es ist ja wahr, absolut und unwiderleglich, was Beck sagt, aber wahr ist auch: „Wir sollten uns immer genau überlegen, was wir tun, und nicht so viel trinken“ — und was folgt daraus? Was z. B. ist ein „Lernprozess“? Das alles ist wirklich deprimierend und entsetzlich. Erkennbar ist es offiziell. Ich erkenne keine Haltung außer der von Apparatschiks, die sich ein Leben lang mit Phrasen durchgehangelt haben und ziemlich sicher sein dürfen, dass sie die paar Jahre bis zur Pensionierung auch noch schaffen! Wo ist die Panik? Wo das highwater? Wo wirklich das Risiko der Weltgesellschaft? Ich glaube, dass ich einen Artikel wie Deinen — den ich übrigens gut finde, wahrscheinlich wäre er als Hausarbeit Note 1,2 — in erster Linie zu verstehen habe als Abwehr — Abwehr eines überwältigenden Angstgefühls im Bannkreis unheimlicher, wirklich gefährlicher Inkompetenz. Allein schon die Frage, wie man etwas wie den Weltkapitalismus, den ja ganz offensichtlich KEINE SAU kennt (das dürften die vergangenen Monate gezeigt haben), in den Griff bekommen oder regulieren könnte — jenseits von Leitkolumnen aus den üblichen Beschwichtigungsblättern des Mehr desselben ist sie überwältigend unbeantwortbar, oder?

      Deine Bude brennt, und der Blogozentriker ist Chef der Feuerwehr. Das ist unser aller Situation.

  5. Veröffentlicht 10.07.2009 in 14:06 | Permalink

    Ich halte „Nachhaltigkeit“ für ein Plastikwort. Ein Feigenblatt um Unversöhnliches miteinander in Kontakt zu bringen – Du schreibst es ja auch: Wirtschaft(swachstum) und Ökologie.

    Mir gefällt die Attitüde Antiimperialisten nicht so richtig. Ich glaube nicht, dass das primäre Problem die europäische Kolonialgeschichte und deren Auswüchse ist. „Postkoloniale“ Möchte wie China, Brasilien und Indien zeigen ja, dass das Denken sich in „westliche“ Richtungen ändert, sobald sie auf einem gewissen ökonomischen Niveau angekommen sind bzw. ein ökonomisches Ziel anvisiert haben.

    Langfristig dürfte klar sein, dass der Westen (Europa & USA) von ihrer ökonomisch beherrschenden Stellung Abschied nehmen müssen. Das bedeutet konkret: Arbeitslosigkeit, soziale Verwerfungen. Positiv ausgedrückt: „Back to the roots“. Der Wohlstand ist nicht mehr beliebig vermehrbar. Er ist nicht einmal auf dem heutigen Niveau zu erhalten (von einer gewissen Finanzelite, die es immer gegeben hat, rede ich nicht).

    Nachhaltigkeit heisst also für uns: Abspecken (auch wenn teilweise kein Speck mehr vorhanden scheint). Euphemistisch ist es ein Vorbereitung auf schlechtere Zeiten in denen die heutigen „Schwellenländer“ (ein Wortungetüm) vorübergehend unsere Rolle übernehmen werden. Die Folgen werden die gleichen sein; Unterschiede gibt es nur marginal. Von der Frage ob sich China oder Indien ökonomisch durchsetzt wird abhängen, ob die Demokratie geopfert werden wird oder nicht.

    Nachhaltigkeit ist mit Ökonomismus (= Kapitalismus) in etwa so gut in Verbindung zu bringen wie Wasser mit Öl. Es bedarf eines Emulgators, der noch lange nicht gefunden scheint. Die Bescheidung des Westens mittels „Nachhaltigkeit“ wird – das ist implizit im kapitalistischen Ansatz vorhanden – zum schnelleren „Niedergang“ führen. Bezeichnend dafür ist, dass diejenigen Nachhaltigkeit predigen, die bisher man meisten von dessen Gegenteil profitiert haben. Aus Indien und China hört man davon nichts. Sie wollen nicht, dass die Jausenstation, die sie endlich sehen, plötzlich wegen Überfüllung geschlossen wird.

  6. Veröffentlicht 12.07.2009 in 22:43 | Permalink

    Ich habe beim Lesen das Gefühl plötzlich vor dem „exklusiv europäisch“ zu stehen, aber nicht zu wissen wo das „herkommt“, also wo her Du es ableitest.

    Und: Wäre es anders herum nicht genauso „verwerflich“?

  7. Veröffentlicht 15.07.2009 in 18:58 | Permalink

    @ Gregor: M[ä]chte wie China, Brasilien und Indien zeigen ja, dass das Denken sich in “westliche” Richtungen ändert, sobald sie auf einem gewissen ökonomischen Niveau angekommen sind
    Naja: ein ganz klein bisschen komplizierter sehe ich das dann doch. Welche „Zwischenspiele“ im Übergang von Empire zu Commomwealth gewütet haben – und immer noch wüten -; die Frage, wo wir denn unsere Interessen durchsetzen und dafür Eingriffe gelten lassen, die wir unter anderen Bedingungen als unlautere Einflussnahme verurteilen … solche Listen sind lang, lang, lang. Ich sagte ja schon: das Schimpfwort „Neokolonialismus“ ist für solche Analysen zu verbraucht und aufgrund seiner ideologischen Ausrichtung zu vage. Aber dass man postkolonialen Staaten freie Hand gewährt hätte … das glaubst Du doch nicht ernsthaft?

    Ansonsten gebe ich Dir vollkommen recht; es wäre nur „nett“, gestaltete sich dieses Abspecken international etwas einvernehmlicher – so als ob wir uns an unsere noch heilenden Narben erinnerten …

    @ metepsilonema: Woher ich die Exklusivität ableite? Siehe zum Beispiel die aktuellen Diskussionen um das Desertec-Projekt – ein Paradebeispiel für die Frage um die Profitabilität grünen Wachstums. Wie Gregor schon angedeutet hat: Hier predigen diejenigen Nachhaltigkeit [...] die bisher [am] meisten von dessen Gegenteil profitiert haben. Und wenn sie jetzt umsatteln, dann nicht, weil ihr Gewissen ergrünt. Natürlich mag man jetzt einwenden: Aber im Großen und Ganzen ist es doch ein „guter Schritt“, und natürlich kann ich da nur zustimmen. Das maue Gefühl bleibt aber: Es ist ein „guter Schritt“ für uns. Aber nicht zwangsläufig für die „Lieferstaaten“. Wie ein taz-Leser kommentiert:

    Alte Fehler wiederholen?
    Die grossen Energiekonzerne wollen mit einer Investition von über 400 Milliarden(!) Euro in der Sahara Strom gewinnen und dann in Europa verkaufen. Auf den ersten Blick bestechend, bei näherem Hinsehen zeigen sich allerdings ganz massive Nachteile.
    Erstens stammt die Summe aus den Gewinnen, die den Verbrauchern in den letzten 20 Jahren abgeknöpft wurden. Sie sollten deshalb auch zum grössten Teil wieder hierzulande in die nachhaltige Energieproduktion investiert werden, z.B. in die Gebäudesanierung und in regionale Energieproduktion.
    Zweitens finanzieren die Unternehmen damit ihr interkontinentales SuperNetz, das wir Verbraucher dann wieder refinanzieren dürfen. Und drittens wird damit wieder eine zentrale und monopolistische Struktur geschaffen, die demokratisch nicht zu kontrollieren ist – von einer Abhängigkeit in die nächste!
    Viertens, ja viertens wäre noch darauf hinzuweisen dass „Die Wüste lebt“. Die europäisch-kolonialistische Sichtweise von „Wüste= totes Land = besetzbar und ausbeutbar“ ist eine Schande für das politische Bewusstsein in Deutschland.
    Sollte jemand immer noch auf die Propaganda vom erneuerbaren Wüstenstrom hereingefallen sein, dann sollte er sich zuerst einmal die Liste der in Europa im Bau befindlichen und geplanten Kohlekraftwerke derselben Firmen anschauen.
    Gönnen wir doch für einmal den Afrikanern diese Chance und praktizieren wir bei uns einen nachhaltigen Umgang mit Energie – yes, we can!
    Uwe Scheibler, Göttingen

  8. Veröffentlicht 18.07.2009 in 10:05 | Permalink

    Grundsätzlich ist Deine Kritik nicht falsch (mir fehlt in dem Artikel allerdings der Bezugspunkt für die Feststellung), man sollte sie aber nicht zu weit ins Schwarz-weiße tragen.

    Selbstverständlich haben wir von der Nichtnachhaltigkeit profitiert, und handeln erst mal für uns (Aber, die Gegenfrage, für wen sollten wir sonst handeln? Welche Staaten wollten von uns einen grünen Anstrich verpasst bekommen?), aber gleich generell von Exklusivität zu sprechen, oder eine Nichteinsicht in die Dinge nahezulegen, halte ich für übertrieben (es sind nicht immer nur ökonomische Aspekte, die eine Rolle spielen – der taz Kommentar ist mir da ein wenig zu oberflächlich). Es ist auch nicht nur ein guter Schritt für uns, der Klimawandel betrifft alle.

    Das spricht natürlich nicht dagegen Entwicklungshilfe oder Unterstützung zu liefern, falls andere diesen Weg folgen wollen – oder ihn überhaupt ehrlich zu bestreiten.

  9. Veröffentlicht 19.07.2009 in 14:19 | Permalink

    @ metepsilonema: Ergibt sich das Schwarz-Weiße nicht durch den beschlossenen realpolitischen Rahmen, der alles Wohlfühlgerede über Nachhaltigkeit, alles zivilgesellschaftliche Engagement, einen Großteil der humanitären Hilfe so frontal kontert? Für wen wir handeln sollten, es aber oft nur im Zusammenhang mit anderen, überlagernden Interessen tun, hast Du ja jüngst bei Dir zu beantworten versucht: für unveräusserliche Menschenrechte. [Die anschließende Frage, ob Entwicklungshilfe da ihrem Zweck überhaupt gerecht wird oder werden kann, ist da nochmal ein separates Thema, das ich aber im Groben auch in das obige Verständnis von Nachhaltigkeit einordnen würde ...]

  10. Veröffentlicht 20.07.2009 in 23:26 | Permalink

    Für wen handeln? Damit meinte ich, dass die meisten Staaten nicht wollen, dass man ihnen erklärt, was sie tun sollen. Also muss man versuchen zu kooperieren und gemeinsame Strategien entwickeln – warum sollte das mit Desertec nicht gelingen, auch wenn es vorerst eher eurozentrisch daherkommt?

    Was meinst Du genau mit dem beschlossenen realpolitischen Rahmen?

  11. Veröffentlicht 22.07.2009 in 20:06 | Permalink

    Als „realpolitischen Rahmen“ sehe ich die Papiere, die ich zitiert habe; insbesondere die „Erneuerte EU-Strategie für Nachhaltige Entwicklung“.

    Die Frage in solchen Dingen ist doch, inwiefern Kooperation und Gemeinsamkeiten durch das ungleiche Mächteverhältnis schon vordefiniert sind. Offiziell spricht man von europäischer Seite sehr gerne von einem „Dialog auf Augenhöhe“ – und dessen Grundlagen werden durch unsere, sprich: europäische Rahmenbedingungen vorgegeben, die im Kern sehr zweckorientiert sind: z.B. an einer globalisierenden Liberalisierung, die wirtschaftliche Öffnung bei gleichzeitiger Beschränkung der Einfuhren aus Drittstaaten bedeutet, oder die Auslagerung unliebsamer Aufgaben reflektieren, die im „Krieg gegen den Terror“ (systematische Gefangenentransporte und Verlegung Verdächtiger in Drittstaaten) oder bei der Flüchtlingsrückführung anfallen. Entschuldige den Zynismus, der in der Auswahl der Beispiele mitschwingt, aber für ernsthafte „Entwicklungsspielräume“ sehe ich da keinen Platz. Die Abstandhalter sind trotz allen Wandels mit der Zeit erhalten geblieben.

  12. Veröffentlicht 23.07.2009 in 21:29 | Permalink

    Ich habe zum Thema bisher nur die Artikel aus der Zeit gelesen (1, 2, 3), die zwar ebenfalls deutlich machen, dass es vorrangig um europäische Energieinteressen geht, aber ich sehe eigentlich keinen Grund warum nicht auch die nordafrikanischen Staaten profitieren könnten und sollten (für das Nachhaltigkeitspapier fehlt mir gerade die Zeit, wenn ich es in den nächsten Tagen schaffe, dann melde ich mich noch mal).


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  1. [...] Editorial Leave a Comment Tags: Dead White Men, Eurozentrik, Lebenshass, Zukunft Ein sehr nachdenklicher, skeptischer Artikel eines gewissen Willyam bringt mich zurück zu dem mich eigentlich, abseits von dieser ganzen Bob-und-Georg-Scheiße, [...]

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