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The Making of Kunst

Ist alles zwar noch nicht spruchreif, aber trotzdem. Vielleicht gewinnt die aktuelle Diskussion an Schärfe, wenn ich ihr abstraktes Thema im Konkreten zu verankern versuche. Nachdem sie sich ein bisschen entschleunigt, ein bisschen entdramatisiert hat.

Die ausgetauschten Argumente reiben sich ja an folgender Überspitzung: ob Kunst denn noch Totalitäten suggerieren kann in einem Zeitalter, das sich – vielleicht doch nur philosophisch? – dem Verwurf von Totalitäten verpflichtet sieht. Kann Kunst sozusagen ‘den Prozess machen’, ihr eigenes Entstehen thematisieren, sich selbst entzaubern, sich nüchtern und abgeklärt betrachten, zu sich selbst auf Distanz gehen – und dabei Kunst, verzaubernd, total sein?

Eine Klärung der Frage im Rahmen einer akademischen Tagung zu versuchen, wie es das ICI angestrebt hat, ist vielleicht genauso kurzsichtig, weil verkopft, wie der Ansatz, der Sache eine Ausstellung zu widmen; auch da wird Kunst als Prozess nämlich wieder unweigerlich zum abgeschotteten Exponat vor weißer Wand.

Vielleicht sollte man mal wieder Fernsehen, mal wieder ins Kino gehen. Man erlaube den Vergleich: dass jeder Film-Film auf Sat1, jeder Hollywood-Blockbuster im Multiplexsaal doch eine Totalität herstellt, die durch Bonusmaterial und zusätzliche Features, deleted scenes, bloopers und original footage, behind-the-scenes-Clips und Interviews aufgehoben wird. Von Titanic bis Transformers gewährt man uns einen Blick hinter die Digitalkulissen, in die Bastelstudios und Effektwerkstätten. Und trotzdem bleibt man mitgerissen von der Echtheit der Einbildung, von der Perfektion des ‘als-ob’. Matrix kann ich mir nach wie vor, immer wieder, mit Erstaunen und Verblüffung ansehen. Wenn ich mir gewähren darf, von mir auf andere zu schließen, bedeutet die ‘Entzauberung’ aktueller Filmkunst also noch nicht zwangsläufig ihre Banalisierung, ihre Profanisierung, sondern die Herstellung von etwas, das man vielleicht mit ‘postmoderner Authentizität’ umschreiben könnte.

Auch wenn es die Musikindustrie ähnlich treibt, mag man oder frau dagegen einwenden, das Film und Musik weniger als Kunst denn als massenindustrielle Produkte gelten. Aber die Grenzziehung ist wackelig. Was immer man z.B. von der ‘totalen’ Kunst Jonathan Meeses halten mag: Auch der Blick in seine Effektwerkstätten trägt wenig zu seiner künsterlischen ‘Entzauberung’ bei; die Faszination bleibt – oder entsteht unter Umständen sogar erst im Zusammenhang mit seiner Person. Diese Verknüpfung stellt man auch immer wieder in Verweisen auf einen der größten zeitgenössischen Philosophen her – Jacques Derrida. Seine Methode, behauptet man gerne, ist von ihrer Aufführung, ihrer Performativität, überhaupt nicht zu trennen. Also beinahe klassisches Beispiel darf ich auf diesen Interviewausschnitt (Derrida über die Liebe) verweisen. Diese Spontanität, diese Beleuchtung und Zurschaustellung des (Denk-)Prozesses, vorläufig, unabgeschlossen – was ändert sie an der ‘Totalität des Vorläufigen’, an ihrer Ästhetik, ihrer Kunst? Was rüttelt sie am Sockel der Kunst? Rüttelt sie am Sockel der Kunst?

Ein Viersprung. Alles eben, wie eingangs gesagt, noch nicht ganz spruchreif. Trotzdem.

14 Kommentare

  1. Blogozentriker
    Veröffentlicht 23.06.2009 in 13:53 | Permalink

    Hey! Hier geht ja jetzt ALLES durcheinander! Wie geil!

  2. Veröffentlicht 23.06.2009 in 14:17 | Permalink

    :-)

    Yo, warum nicht zwischendurch mal ein wenig Eklektizismus?

  3. Blogozentriker
    Veröffentlicht 23.06.2009 in 16:19 | Permalink

    Ich hab mir, Lyam, gerade mal Deine Videos über Meese angeguckt, ohne Ton, und es ist ja ganz klar, dass da ein Schauspieler ist, der einen Typen spielt, der, kürzt man Haare und Bart, ziemlich dicht dran ist an Helge Schneider und sich aber WAHNSINNIG echauffiert über, könnte man sich vorstellen, den allerletzten Blödsinn! Super. Vielen Dank für dieses großartige Filmerlebnis!

    • Veröffentlicht 23.06.2009 in 17:23 | Permalink

      Genau das ist die Frage: ob er wirklich schauspielert. Tu’s Dir nochmal an – diesmal mit Ton (und den Kommentaren zum Post). Vielleicht gewinnt der „WAHNSINN“ dann auch aus Deiner Sicht eine näherliegende Bedeutung …

      • blogozentriker
        Veröffentlicht 23.06.2009 in 17:41 | Permalink

        Aber nein, ein Missverständnis — Künstlertum war doch nie etwas anderes als Schauspielerei! Warum denn? Muss, wer sich verstellen kann, notwendigerweise ein Idiot sein? Wir alle spielen doch Theater, aber vom Künstler verlangt man halt gewisse illusionistische Qualitäten, damit wir glauben können, er habe uns etwas zu sagen, was wir selbst uns nicht sagen könnten. Meese ist offenbar der absolut perfekte Mann für eine abgezockte Medienrepublik, die aber gleichzeitig sich einen Schimmer der idealistischen, mit außerirdischen Kompetenzen in Kontakt stehenden Hypernaivität bewahren will — wie man unser Land ja wohl definieren könnte, inzwischen!

      • blogozentriker
        Veröffentlicht 23.06.2009 in 18:04 | Permalink

        Das ist, lieber Lyam, wirklich hervorragend: „Meine Mutter ist mein Zugang zur Realität für mich!“ Da möchte man mal eintauchen, sich den Binnen-Blick verschaffen. Jonathan Meese, Wahnsinn! Und dann dieses orsonwelleshafte „Privatleben? Wozu? Brauch ich nicht!“ Stimmt ja auch, wozu sollte einer, der ganz bei sich ist, dieses Schein-Bei-Sich brauchen? Lieblingshosen und Lieblingsfilme? Ist doch alles SCHEISSE, Mensch! Danke, Jonathan! Und wie schön, dass das Youtube-Filmchen abbricht mit den Worten: „Ob Genie, Irrer oder.“ Das Oder muss wirklich so stehen bleiben, das wissen wir nicht. Allenfalls wissen das Deine Lieblingskommentatoren, Lyam!

      • Veröffentlicht 25.06.2009 in 10:52 | Permalink

        Wie soll man das verstehen? Wir alle schauspielern? Dann würde das Konzept „sich verstellen“ keinen wirklichen Sinn machen. Tut es aber meines Erachtens, weil wir manchmal einfach nicht darüber nachdenken, wie wir zu sein haben.
        Künstlertum hat sich mal der Verstellung verschrieben, mal der technischen Perfektion, mal der Amoral und mal dem puren Sein und tut es noch heute. Ob man das den Künstlern abnehmen kann ist eine andere Sache – aberkennen kann man es ihnen jedenfalls in gleicher Weise nicht pauschal.

  4. Veröffentlicht 25.06.2009 in 10:47 | Permalink

    Das Phänomen Meese ist meines Erachtens relativ einfach zu fassen. Seine Vorstellung von Kunst liegt irgendwo zwischen den Modernisten und den Surrealisten des 19. und 20. Jahrhunderts, ist also eigentlich nichts großartig Neues, lediglich die Mittel sind andere.
    Er glaubt, – zumindest ist es das was er behauptet – dass die Kunst ein von seiner Arbeit losgelöstes Wesen hat. Wenn er so konsequent wäre auch an Geister und andere übernatürliche Kräfte zu glauben, würde ich ihm das auch gerne abnehmen. Vielleicht ist sich Meese auch nicht bewusst, dass ein Mensch der im Wald umfällt, ohne dass er gesehen wird, eben nur für ihn selbst existiert. Seine Kunst ist Inszenierung und Inszenierung benötigt ein Publikum oder umgekehrt: Die Tatsache, dass er ganz offensiv ein Publikum sucht, zeigt, dass er inszeniert, sein Publikum braucht. Insofern unterscheidet er sich hier ganz und gar nicht von anderen Künstlern, die ihr Publikum in Galerien suchen, lediglich in der Methode, die da ist: Angriff auf Konstruktionen. Das ist, wie ich finde, eine gute und notwendige, bei ihm durchaus auch sehr kreative Technik. Allerdings muss sich, wie ich finde, jedo reine Widerständla auch dessen bewusst sein, dass su Existenz in einer Abhängigkeit zu dem steht, was at kritisiert und sich somit wieder mit seinem (angeblichen) Feind verbindet. In die Krise käme dieses Denken spätestens dann, wenn es selbst dominant und sein Bezugsgegenstand verschwinden würde, es also beginnen müsste, sich selbst zu kritisieren. Gleiches hat man bei Oppositionsparteien, die in die Regierung kommen, gesehen oder bei Künstlern in durch und durch ideologisierten Systemen, die zusammenbrechen. Aber gut, derzeit ist nicht absehbar, ob sich eine solche Tendenz in der freien Kunst wieder einmal durchsetzt, ich bezweifle es.
    Seine Vorstellung von einer subjektlosen Kunst halte ich unabhängig davon nicht für glaubhaft bzw. undurchdacht oder unehrlich. Mag sein, dass ich ihn falsch verstehe.

  5. Veröffentlicht 26.06.2009 in 12:27 | Permalink

    [... als ich diesen Beitrag verfasst habe, habe ich noch überlegt, ob die Erwähnung Meeses eher Ablenkung oder Katalysator sein würde; ersteres scheint sich (leider) durchzusetzen ... (schwacher Versuch einer Moderation)]

  6. blogozentriker
    Veröffentlicht 26.06.2009 in 13:16 | Permalink

    Wir können Meese auch in Klammern setzen. Denken wir stattdessen an Marcel Duchamp. Da wird auch deutlich, was ich mit „Schauspielern“ meine. Die bewusste Annahme einer (sozialen) Rolle. Der Künstler ist ein Rollenfach. Duchamp hat ja, indem er einfach nahm, was da war, das so genannte „Readymade“, und seinen Namen drauf schrieb, klar gemacht, dass der Künstler nicht einer ist, der etwas tut, sondern einer, der etwas ist. Und das mag auch Meese meinen, wenn er der Kunst so gewaltige Möglichkeiten zuspricht. Kunst ist in erster Linie nämlich ein definitorisches Instrument. Das, was wir als banal beiseite lassen, wird zu etwas Sakralem, Wertvollem, wenn das System Kunst es inkludiert – wenn es einen Alltagsgegenstand aufhebt im Hegel’schen Drei-Sinne (erheben, bewahren, auslöschen). Beispiel: Der Künstler macht eine Arbeit über Hundekot, und plötzlich ist ein Haufen Hundekot – oder ein verfaulender Hai – das Äquivalent für einen Haufen Geld. Ich glaube, Boris Groys zeichnet diese Vorgänge sehr klug nach in „Über das Neue“.

  7. Blogozentriker
    Veröffentlicht 27.06.2009 in 13:52 | Permalink

    Zu konstatieren bleibt ja auch, WilLyam, dass all das Behind-the-scenes-Material in etwa die Funktion hat, die zu früheren Zeiten der Besuch des Mitglieds der durchreisenden Schauspielertruppe bei den schönen jungen Bürgerstöchtern der jeweiligen Aufenthaltsstädte hatte. Steigert nicht sogar der Blick in die Werkstatt der Illusion paradoxerweise den illusionistischen Effekt? Der ja weniger von der Leinwand ausgeht als von unseren Köpfen, von unserem Wunsch, an die anderthalbstündige fiktionale Welt zu glauben? Im Grunde macht der technische Fortschritt der Bilderzeugung die Unterhaltungskonsumgüter immer unglaubhafter. Das ist jedenfalls mein Gefühl.

  8. Veröffentlicht 29.06.2009 in 20:13 | Permalink

    Steigert nicht sogar der Blick in die Werkstatt der Illusion paradoxerweise den illusionistischen Effekt? Der ja weniger von der Leinwand ausgeht als von unseren Köpfen, von unserem Wunsch, an die anderthalbstündige fiktionale Welt zu glauben?
    Definitiv, wobei ich in Sachen Kino/Film eher davon ausgehe, dass wir da eine Art Realitätsflucht betreiben – über deren Realismus wir uns dann anschließend kopfschüttelnd-verwundert die Augen reiben. Herrn Derrida beim Denken zuzusehen ruft in mir ähnliche Bewunderung hervor. Und trägt nicht im Geringsten zu seiner Deskreditierung bei. Vielleicht kann man da wirklich von einer gewissen „Steigerung“ sprechen: Die Annäherung an kunstvolle Ganzheit erscheint uns erst im Augenblick, sozusagen: im Gegenzug mit, ihrer Selbstdekonstruktion möglich.

  9. blogozentriker
    Veröffentlicht 29.06.2009 in 21:07 | Permalink

    Lieber Willyam, Du hast („Veröffentlicht 29.06.2009 in 20:13″) den 20.13 Uhr-Zug genommen! Das ist weder Bestaunen der Fiktion, noch Blick hinter die Kulissen – es ist etwas Erschütterndes, Verstörendes! R.

  10. Veröffentlicht 30.06.2009 in 01:08 | Permalink

    Im Gegenteil: es ist erbaulich!


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