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Kunsthandeln – für alle.

Wo wir hier doch neulich noch so intensiv über Sinn und Funktion(en) von Kunst diskutiert haben, dürfte zumindest für diejenigen, die in Berlin und Umgebung leben, vielleicht eine aktuelle Tagungsankündigung des ICI von Interesse sein:

Kunsthandeln

In der Moderne und zunehmend seit den 1960er Jahren verlagert sich in der Kunst die Aufmerksamkeit vom finalen Werk auf den Prozess des Produzierens. Dieser ist nicht Mittel zum Zweck, sondern gewinnt, in Analogie zu Aufführungspraktiken, Eigenwertigkeit. Im selben Zuge avanciert der kontemplative Betrachter zum Teilhaber, ja, zum ›Mithandelnden‹ des Kunstwerkes. Auch die Kunst insgesamt wird als prozessual begriffen: als ein gesellschaftlicher Bereich, der unterschiedlichste Akteure involviert und beständigen Begriffs- und Erfahrensänderungen unterliegt.

Aus diesen Prozessualisierungen resultiert ein neuartiges Verhältnis von ›Kunst‹ und ›Handeln‹. Handeln wird zu einem Medium der Kunst, zugleich wird Kunst als Medium des (gesellschaftlichen) Handelns neu bestimmt. Diesen beiden Aspekten des Verhältnisses von ›Kunst‹ und ›Handeln‹ ist die Tagung gewidmet. Sektion I fragt nach dem Status von (Alltags-)Handlungen in der Kunst, Sektion II nach den Möglichkeiten, Kunst als eine Form des Handelns zu begreifen, das Wirklichkeiten erzeugt oder verändert.

Das vollständige Vortragsprogramm als pdf: hier.

22 Kommentare

  1. blogozentriker
    Veröffentlicht 14.06.2009 in 20:41 | Permalink

    Das Problem liegt in dem Widerspruch, dass ein Kunstwerk nur von einem Produktionsprozess spricht, von dem es den Betrachter aber – und das gilt für ALLE Betrachter, im Idealfalle, d. h., wenn das Werk gelungen ist, auch für die an der Produktion beteiligten Betrachter – ausschließt. Notwendig ausschließt. Denn dass die eigentlich und tiefste Faszination des Kunstmachens in der Produktion liegt – was ja auch der Erfolg all dieses akademischen Schriftguts, das Wege zur Kunst verheißt, beweist -, hat den Erfolg der Kunst immer schon ausgemacht — die Sehnsucht, hinter die Kulissen zu gelangen.

  2. Veröffentlicht 15.06.2009 in 11:35 | Permalink

    Würde auch sagen: Kunst als fertiges Produkt hat bislang doch ohnehin nur die interessiert, die sich die Kunst ins Büro hängen oder stellen wollten. Ich finde den Text ganz gut, weil er zeigt, dass bzw. wie der linguistic turn in „der Kunst“ angekommen ist.

  3. Veröffentlicht 15.06.2009 in 23:46 | Permalink

    Überlappen sich da nicht zig semantische Kreisläufe? Das Kunstwerk schließt zwar aus, klaro; andererseits zieht es mich in seinen Bann und stößt Veränderungs-, und damit ja: Produktionsprozesse an. Eine Arbeit, deren Entstehungsumstände mir verborgen bleiben, animiert mich zu eigener Produktion. Dass ich als Vorbedingung das Kunstwerk in seiner Gänze verstehen müsste: Nein. Es reicht vollkommen, dass ich es für mich vereinnahmen kann: Mein kleinteiliges, subjektives Verständnis sorgt nämlich unter Umständen schon für einen ausreichenden Impuls.

    Was ich mich frage: Ob denn eigentlich noch die tatsächliche Aufmerksamkeit für den Prozess, für das „wie jemand zu etwas bewegt wird“ gegeben ist in einer Umwelt, die sich so drastisch verändert, dass sich ihre ständige Veränderung als Statik durchsetzt. Läuft sich diese ständige Selbstreferenzialität bei rasendem Stillstand nicht schon länger leer?

  4. Veröffentlicht 16.06.2009 in 00:34 | Permalink

    Verstehe das Problem jetzt nicht so ganz, aber mag an meinem Schlafdefizit liegen. Weniger Klarheit, ja, komplexere Perspektive auf das, was Kunst ist, ja. Aber was daran sollte das problematisch sein? Das wir dazu neigen drei Punkte statt einen zu machen?

  5. Blogozentriker
    Veröffentlicht 16.06.2009 in 16:25 | Permalink

    Ein Kunstwerk zieht seine Wirkung doch zunächst einmal daraus, dass es eine Totalität behauptet. Oder vorgibt. Oder herzustellen versucht.

    Das gilt – paradoxerweise – auch für das Fragment, dessen Schönheit ja darauf beruht, dass der Rezipient (sit venia verbo!) es in seinem Geist zu einer Totalität zu komplettieren versucht! Dies entspricht, so verstehe ich den ästhetischen Mechanismus, einem Ur-Bedürfnis des menschlichen Geistes. Er will das Gesamtbild kennen, er fabriziert so oder so für sich die Illusion eines Gesamtbildes.

    Insofern halte ich Willyams Frage nach dem Verhältnis von Kunstwerken zu einer Welt, die als Totalität aufgrund ihrer pathologischen Unbeständigkeit überhaupt nicht mehr aufgefasst werden WILL, für sehr berechtigt, ja, geradezu für unvermeidbar! Natürlich kann das Kunstwerk sich darauf kaprizieren, die Illusion einer Totalität, eines Gesamtbildes vorsätzlich zu verweigern. Nur – gräbt es sich damit auf die Dauer nicht das Wasser ab? Indem es der Logik ästhetischer Wahrnehmung zuwiderläuft?

    • Veröffentlicht 16.06.2009 in 18:20 | Permalink

      Naja, wenn du als Totalität „Ich bin da! Ich bin fertig! Man kann (und soll) mich angucken!“ bezeichnest, sehe ich das genauso. Jedes Objekt ist ja in irgendeiner Weise in sich abgeschlossen, sonst könnten wir es gar nicht als Objekt erfahren. Wenn ein Stück Papier auf dem Boden liegt und wir denken, dass es dort von jemandem positioniert wurde und dass es unglaublich interessant, weil… was weiß ich… sozialkritisch ist, dann ist es in diesem Moment vielleicht schon Kunst in den Augen dos Betrachta. Vielleicht war es aber überhaupt nicht als solches kunstvoll positioniert (was ja nicht unwahrscheinlich ist).
      Die Wahrnehmung des „Kunstvollen“, was auch immer das ist, liegt doch immer beim Subjekt, also der Person, die für sich den Begriff definiert hat. Es gibt(!) de facto keine Beziehung zwischen Kunstwerken und der Welt, sondern nur eine Beziehung zwischen erfassten Dingen und Betrachtan, die diesen Dingen Namen geben (und sich dabei oftmals absprechen, welche Qualität mit welchem Wortkörper versehen werden soll).
      Die Kunst besaß noch nie irgendeine Qualität, es gab lediglich Qualitäten, die wir mal so und mal so genannt haben.
      Die einen nennen etwas Kunst, wenn es große Präzision widerspiegelt, andere meinen, dass das kreative Potenzial wichtiger ist. Ich meine, es spielt keine Rolle und wir sollten einfach dann und wann auf etwas zeigen, sagen, wie wir es denn nun dennen wollen und dann darüber reden. Ich sehe nicht, wo da Wasser abgegraben wird. Das Kunstwerk kann seine Totalität gar nicht verweigern, ganz einfach, weil nicht es, sondern das Subjekt darüber bestimmt, was die Totalität ist.

    • Veröffentlicht 16.06.2009 in 20:48 | Permalink

      Das Kunstwerk kann seine Totalität gar nicht verweigern, ganz einfach, weil nicht es, sondern das Subjekt darüber bestimmt, was die Totalität ist. And that’s precisely the point: Was, wenn das Subjekt die Fragmentierung, Flüchtigkeit, Kleinteiligkeit und Unabgeschlossenheit der Welt thematisiert und damit jegliche Totalität verweigert? Und in der Folge auch eine auf sich selbst und ihren Entstehungsprozess verweisende Kunst jeden Bezug auf Totalitäten verweigert? Wenn quasi die Kunst sich selbst entzaubert? Wie ist das vereinbar mit dem urmenschlichen Bedürfnis nach Ganzheit, das ohne Ontologien überhaupt nicht auskommt?

      • Veröffentlicht 16.06.2009 in 21:55 | Permalink

        Was, wenn das Subjekt die Fragmentierung, Flüchtigkeit, Kleinteiligkeit und Unabgeschlossenheit der Welt thematisiert und damit jegliche Totalität verweigert?

        Ist das zwingend? Nur weil sich mir Fragmentierung, Flüchtigkeit, Kleinteiligkeit und Unabgeschlossenheit eingebrannt hat, kann ich doch noch immer – z.B. meinen Sehnsüchten, meinen Bedürfnissen folgend – Ganzheit schaffen.

      • Veröffentlicht 16.06.2009 in 23:58 | Permalink

        Denke ich auch. Der Mensch kann meines Erachtens keine Unabgeschlossenheiten denken, ganz einfach, weil er nur Dinge erkennen kann, wo Unterschiede/Differenzen sind. Du bezeichnest das als Bedürfnis. Ich würde es als Voraussetzung für das Denken bezeichnen. Jedes Ding, das ich aus der Welt isoliere, ist an sich eine Totalität. Wenn ich diese Dinge nicht hätte, gäbe es nur Welt. Das wäre so, als ob alles schwarz wäre. Wo aber alles schwarz ist, kann auch das Konzept schwarz nicht existieren. Alle unsere Denkkategorien basieren auf Differenz, basieren somit auch auf totalen Komplexen. Ich will nicht ausschließen, dass diese Theorie oder dieses Modell falsch ist, aber mir erscheint es vollkommen schlüssig. Grenzen weichen auf, Bedeutungen verändern sich, aber solange wir irgendetwas Kunst nennen, ist es das auch.
        Mark beschäftigt sich auf seinem Blog gerade (auch) mit dieser Thematik.

      • Veröffentlicht 17.06.2009 in 13:39 | Permalink

        Natürlich kannst Du nach wie vor Ganzheiten schaffen; das stelle ich nicht in Frage. Ich kann auch Lara nicht widersprechen: Der Mensch kann meines Erachtens keine [grundsätzliche] Unabgeschlossenheiten denken. Das halte ich im obigen Verweis auf Deontologisierungsversuche ja auch fest.

        Das Rätsel ist für mich: ob sich sozusagen eine qualitative Veränderung der Ganzheiten einschleicht, wenn ich um die Vorläufigkeit der Ganzheiten weiß. Wie verstellt die Verschiebung von „Totalität“ zu „vorläufiger Totalität“ meinen Orientierungssinn?

      • Veröffentlicht 17.06.2009 in 14:35 | Permalink

        Das würde ich mit einem klaren ja beatworten. Nur wiederum: Was daran ist neu? Was daran ist ungewöhnlich? Was meines Erachtens ander ist, ist lediglich die Geschwindigkeit und die Anzahl der Teilnehman bei dem Umbau von Bedeutungen.
        Das Dankenswerte daran ist, dass wir gezwungen sind uns mit der Frage auseinanderzusetzen, weswegen, wir etwas wie verstehen wollen.

      • Veröffentlicht 17.06.2009 in 16:05 | Permalink

        Was daran ist ungewöhnlich? Vielleicht, dass sich damit auch der Entfremdungsgrad zwischen Selbst und (Um-)Welt verstärkt? Und dass sich die Versuche, die Welt zu entzaubern, nicht mit dem menschlichen Bedürfnis nach Verzauberung in Übereinstimmung bringen lassen?

      • Veröffentlicht 17.06.2009 in 22:25 | Permalink

        @Lara

        Ja, und neue Erkenntnisse gewinnen wir dort, wo neue Differenzierungen geschaffen werden können, was mit ein Grund dafür ist, dass einerseits der Wissensumfang explodiert, andererseits alles unübersichtlich wird.

      • Veröffentlicht 17.06.2009 in 22:33 | Permalink

        @willyam

        Vielleicht, dass sich damit auch der Entfremdungsgrad zwischen Selbst und (Um-)Welt verstärkt?

        Das könnte durchaus sein. Wenn ich mein Referenzsystem nur alle 10 Jahre leicht ändern muss, werde ich mich mehr eins mit meiner Umwelt fühlen, als wenn das alle 10 Minuten passiert.

        Den Zusammenhang mit Deinem letzten Satz verstehe ich nicht – der würde doch sowieso gelten, denn Entzauberung und Verzauberung sind nun einmal Gegensätze.

      • Veröffentlicht 23.06.2009 in 12:38 | Permalink

        Nicht zwangsläufig, denke ich. Entzauberung, sprich: Aufklärung sollte doch die alles übertrumpfende Zauberformel sein …

  6. Blogozentriker
    Veröffentlicht 17.06.2009 in 12:02 | Permalink

    Ich glaube, dass das alles schon richtig ist, habe aber, ehrlich gesagt, auch Angst – und zwar panische Angst – vor einer Welt, in der dieses ganze Differänz-Zeug aus der dekonstruktivistischen Theorie-Mode-Schule für bare Münze genommen und ganz ernsthaft aufs gesellschaftliche Feld angewendet wird! Die Situationisten hatten doch vollkommen Recht, dass jede Theorie, die nicht versucht, die Gesellschaft total zu denken, erbärmlich ist, nutzlos und verderbenbringend! Genau aus solchen Kurzsichtigkeiten speist sich der Werbekapitalismus, der jeden Tag mit einer neuen tollen Idee ankommt, die der von vorgestern aufs Haar gleicht, was nur keiner mehr merkt, weil das Denken des Totalen verweigert wird. Sonst wäre ja klar: Turnschuh ist Turnschuh!

    Genau das ist darum die Funktion des Kunstwerks: Das totale Denken einzuüben – wobei total sich paradoxerweise diametral entgegengesetzt verhält zum totalitären! Erst aus der Gewichtung zum Gesamten entsteht das Gewicht des Details, und Gewicht kann man hier auch buchstabieren: W-Ü-R-D-E! Und darum müssen wir leider auch die Pop-Song-Kultur ablehnen, und zwar tout court, weil in ihr nur das Partikulare möglich ist, da nur das Partikulare noch marktgängig und versendefähig ist. Auf den Menschen heruntergerechnet zeigt dieser wirklich triste Trend sich darin, dass arme Schweine sich über ihre Frisur oder ihre Turnschuhe zu definieren versuchen – als Erbse im Einheitsbrei, die aber, natürlich, Derrida gelesen hat und darum um die Bedeutung der Differenzierung weiß … Schwindel!

    • Veröffentlicht 17.06.2009 in 14:53 | Permalink

      Wirklich, ich wiederhole mich ungerne, aber ich sehe nach wie vor das Problem nicht bzw. verstehe die Bedenken nicht. Keine Wissenschaft kann die Welt gänzlich dekonstruieren, weil sie ein kommunikativer Akt ist und alle kommunikativen Akten wiederum auf Wahrnehmung basiert, welche – zwangsläufig – die Welt bereits in Fragmente (also in euren Worten: Totalen) eingeteilt hat.
      Der Konstruktivismus ist doch kein gesellschaftliches Projekt sondern eine modellhafte Perspektive auf die Welt. Es ist auch nicht angewandter Relativismus, sondern eine Betrachtung der Facetten auf einer beliebigen Ebene. Wahrheiten lassen sich da keine produzieren, weil wir von verschiedenen Perspektiven aus denken.
      Also nochmal: Der Konstruktivismus ist eine Methode, sich Dingen zu nähern, kein politisches Projekt. Ich habe in einem meiner Artikel zwischen Politikan und Philosophan unterschieden. Do Politika handelt, während do Philosopha abwägt. Das sind zwei Prototypen, die nichts mit der Realität zu tun haben. Solange wir weder versuchen „konstruktivistisch zu handeln“ noch „wahre Politik“ zu betreiben ist alles in bester Ordnung.

      Karl Raimund Popper hat dazu einen Satz gesagt, den ich als einen der Ursprung meiner Ansätze verstehe. Er sagt (sinngemäß): „Die Geschichte hat keinen Sinn, aber das ist kein Grund, dass dem so bleiben muss. Wir sind es, die über den Sinn der Geschichte entscheiden können.“

      Wohlgemerkt, Popper spricht hier von Sinn, nicht von Substanz. Wir können, so wie es scheint, nicht einfach entscheiden, dass wir fliegen können. Weswegen, wissen wir nicht, nur dass es scheinbar so ist. Elvis konnte sterben, ich würde sagen, er ist gestorben. Wenn aber eine Mehrheit glaubt, Elvis würde leben, dann ist dies eine gesellschaftliche Realität.
      Ob es überhaupt Sinn macht, sich so über Kunst zu unterhalten, wie wir es tun, ist übrigens auch unsere Entscheidung gewesen. Ich bin mir sicher ein Großteil der Gesellschaft hätte – selbst wenn sie die Gelegenheit dazu gehabt hätte – in dieser Diskussion keinen Sinn gesehen, z.B. weil es wichtigere Probleme für sie gibt. Also ist das was wir hier machen bereits Dekonstruktion. Wir zerfleischen einen Begriff oder Anspruch oder was auch immer der ja auch, wie jeder von uns sagen könnte, vollkommen eindeutig und somit nicht diskussionswert ist. Solange man niemanden zu dieser Diskussion zwingt, kann ich daran nichts Bedenkliches sehen.

  7. Blogozentriker
    Veröffentlicht 17.06.2009 in 16:17 | Permalink

    Ich glaube, das ist ein gutes Stichwort von Will. Entzauberung. Bis zu einem gewissen Punkt brachte die Entzauberung uns Freiheit. Inzwischen aber haben die Mittel der Entzauberung nicht nur eine neue Knechtschaft bedingt, etwa die Abhängigkeit von Handy und Computer, Internet-Austausch und dem Herumsurfen in Foren. Sondern die Entzauberung hat auch eine neue Mystik geschaffen, vielleicht die Mystik eines Anything Goes, die einen unübersehbaren Beigeschmack von Verzweiflung hat. Diese Mystik, diese Neuverzauberung ersetzt nach und nach die Funktion der Kunst. Die Arbeit des Künstlers hat keinen Sinn mehr, weil niemand seine Versuche einer Um-Schreibung zurückbeziehen könnte auf einen Ursprungstext. Beliebigkeit ist tatsächlich der Tod der Kunst. Und sie ist der Ansatzpunkt der Herrschaft von Technik.

  8. Veröffentlicht 17.06.2009 in 17:07 | Permalink

    Aber es handelt sich doch um keine Neudrapierung, keine bloße Reinszinierung von Ent- als Neuverzauberung. Eher ist die Entzauberung an ihre Grenzen gelangt, um nach und nach das Subjekt auszulaugen, zu entkräften. Alles soll nur noch (unbe)ständiger Prozess sein – und ‘Sein’ als ‘Entstehen’ verstanden werden: ich werde, also bin ich.
    Diese Dauerrevision wird aber nicht zwangsläufig mit Reflexion betrieben, wie Du, Herr B., schon angedeutet hast. Und trotzdem man das aufzeigen kann, bremst das den Kurzfristigkeitskapitalismus kein bisschen: weil sich seine Dichter und Denker auf ihren banalen Leitspruch berufen: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.

  9. Veröffentlicht 17.06.2009 in 18:43 | Permalink

    Also ich finde es etwas unfair, wie hier radikalisiert wird. Es kann doch nicht sein, dass man sich einerseits über irgendeine Beliebigkeit echauffiert und sie im gleichen Zuge praktiziert. Wie hier teilweise mit Kontextbegriffen geworfen wird: Das ist für mich unverantwortlich. Um es auf den Punkt zu bringen: Wenn ihr über eine Ökonomisierung der Gesellschaft reden wollt, bitte. Aber vermischt das nicht mit einer Debatte über die Bedingungen von Worten, Begriffen und Dingen. Ich nehme mal ein konkretes Beispiel um zu zeigen, was ich meine:

    Diese Mystik, diese Neuverzauberung ersetzt nach und nach die Funktion der Kunst. Die Arbeit des Künstlers hat keinen Sinn mehr, weil niemand seine Versuche einer Um-Schreibung zurückbeziehen könnte auf einen Ursprungstext.

    Zunächst einmal wird hier irgendeine „Funktion“ von Kunst unterstellt, die ich im bestenfalls als seltsam bezeichnen kann. Was für eine Funktion wäre das? Keine Angst, ich will keine Antwort. Diese Antwort gibt es entweder nicht oder ist autoritär.
    Außerdem geht durch Vieldeutigkeit wenn überhaupt nicht „Kunst“ verloren, sondern die Bezeichnung für einen Gegenstand verrutscht und einer der Gründe, weswegen das so ist, ist meines Erachtens ein sehr erfreulicher, nämlich, dass das was wir Kunst bezeichnen viel von seinen einstigen elitären Charakter verloren hat.
    Ich bin mir nicht sicher, ob euch das auffällt, aber was ihr zwischen den Zeilen verdeitigt ist einer sprachlicher Konservatismus, den ich wirklich für sehr sehr fraglich halte (da sie genau so verfährt wie angeblich, die die die anything goes praktizieren [btw. wer ist das eigentlich, klipp und klar?]). Sprache ist meiner Meinung nach eine unfaire Plattform um darin politische Ideen auszufechten, denn sie ist lediglich ein Medium, ein Schleier, der sich über die Wahrnehmung legt, nicht die Wahrnehmung selber. Sprache ändert die Wahrnehmung, nicht die Umstände.
    Wenn ich heute ein Bild nicht mehr Kunst nennen will, dann tue ich das nicht. Und ich tue es dann mit gutem Grund, nämlich weil die Bedeutung, die das Bild für mich hat nicht mehr mit der Bedeutung von Kunst vereinbar ist. Es wäre nichts anderes als unlogisch, NICHT so zu verfahren. Aber dann kommen diejenigen, die mir erzählen wollen, dass das falsch ist, und das ich etwas falsch verstanden habe, genauso wie die kommen, die mich darin bestätigen wollen, denn natürlich handelt es sich um kein Bild. Beides halte ich für ablehnenswürdig. Ein Konzept aufrecht erhalten „weil man das so macht“ (das machen, diejenigen die stabile Signifikat/Signifikanten-Beziehung wünschen genauso wie die, die eben diese Beziehung einfach so ablehnen) ist traditionalistisch. Tradition wiederum ist für mich ok, solange man dazu „nein danke“ sagen kann.

    Was mich ärgert, ist, dass dieser grundlegende Anspruch – nämlich dem, sich der eingetretenen Norm nicht einordnen zu müssen – polemisch eine quasi raubtierkapitalistische Mentalität und Egozentrik unterstellt wird, á la: Die Individualisten machen mit ihrem Anything goes alles kaputt.

    Was stimmt ist, dass sie alle bisherigen Strukturen können. Wir können ALLE Begriffe transformieren, wenn wir es wollten. Und es stimmt auch, dass wir durchaus ein Auge darauf werfen sollten, dass Beliebigkeit als grundlegendes Prinzip nicht zur Methode wird.

    Die Personen, die ihr mit dem Anything goes kritisiert, sind sicherlich nicht die aus der – wie B. sagt – „dekonstruktivistischen Theorie-Mode-Schule“, sondern ebenso Konservative wie die, die auf eindeutige Deutungsmuster pochen. Dojenige, do sich der grundsätzlichen Verschiebbarkeit von Bedeutungen bewusst ist, wird einen Teufel tun, die eigene Bedeutung als „gültig“ zu verstehen.

    Ich räume ein: Darüber gibt es viel Missverständnis, aber ich möchte an einem Beispiel darstellen, wieso „Relativismus“ zu Unrecht den Konstruktivisten vorgeworgen wird und weswegen diejenigen, die ihr (vermutlich u.a. auch) als Anything-goes-Jünger bezeichnen würde konstruktivistische Methoden als Maske aufsetzen und darunter alles andere als konstruktivistisch vorgehen:

    Verschwörungstheoretiker, wie Holocaust-Denier, pochen darauf, dass die erbrachten Beweise keine Beweise sind, weil sie angeblich dem Dogma unterlegen wären, es habe einen Holocaust gegeben. Diesen Vorwurf könnte man konstruktivistisch gelten lassen und weiter verfahren. Um ihre eigene Position zu festigen bedienen sich Holocaust-Denier jedoch einer Plattform, die ihre gesamte Deutungsmacht aus einer etablierten Struktur bezieht, nämlich der Wissenschaft. Sie kritisieren also Wissenschaftler einerseits und stellen sich gleichzeitig auf eben diese Seite. Sie greifen Beweise als unzureichend an und wollen mit den gleichen Methoden etwas zureichendes erreichen. Würde man konstruktivistisch weiter analysieren käme man zu einem Zirkelschluss und ergäbe sich, dass eben so verfahren wurde (was ich für eine ganze Reihe von Fällen bestätigen kann), so verliert das ganze Vorhaben unmittelbar an Glaubwürdigkeit – und das schon rein methodologisch. Ähnliches gilt für Kreationisten, die die Wissenschaft ob ihrer angeblichen Unzulänglichkeit anttackieren und gleichzeitig versuchen glaubwürdig zu werden, indem sie wissenschaftlich verfahren.
    Ihr seht, das führt in ein weites Feld, aber beliebig wird es nicht. Ganz im Gegenteil lässt sich, indem man der Position des Subjekts mehr Bedeutung schenkt, stärker denn je aufzeigen, an welchen Kriterien die Qualität eines Begriffs aufgehängt wird.
    Nur weil ich Beliebigkeit als Grundsatz habe, heißt dass nicht, dass alles geht. Es heißt, dass grundsätzliche, nämlich individuelle Entscheidungen rahmen(!), was geht. Wenn ich mich vorher mit 20 Forschungsprojektarbeiter auf eine bestimmte Terminologie geeinigt habe, dann lässt sich vielleicht noch im Detail streiten, aber unendlich viel Spielraum á la Anything goes herrscht da nicht, ganz im Gegenteil. Genauso funktioniert es in der Gesellschaft, nur dass die Kommunikationsprozesse weitläufiger sind.

    Und ich muss wirklich sagen: Ich wünschte es gäbe mehr Beliebigkeit, denn was wir heute (z.B. in Deutschland) faktisch haben ist eine Gesellschaft, die zwar behauptet post-traditionalistisch zu sein, aber dennoch eine so enorme Normgewalt herausgebildet hat, die in unserer Geschichte ihresgleichen sucht. Ganz ehrlich: „Anything goes!“ klingt für mich wie ein Che-Guevara T-Shirt bei H&M.

    P.S.: Ihr merkt mich bringt das Thema auf. Ich gehe gerne einen Schritt auf eure Positionen zu, indem ich zugestehe, dass wir die individualisierte Entwicklung von Bedeutung und Zeichenkörper sehr argwöhnisch betrachten müssen. Aber doch als ein Symptom und nicht als Problem. Sprache ist beliebig, aber Gesellschaft muss es nicht sein.

  10. Blogozentriker
    Veröffentlicht 17.06.2009 in 19:00 | Permalink

    Ich finde das ganz hervorragend beschrieben, wie unsere Gesellschaft, die so pluralistisch tut, im Zeichen des Marktwerts und des einäugigen Verkaufbarkeitsdenkens mehr und mehr Alternativlosigkeit erzeugt. Immer wird der Mensch nur tun, wenn er weiß, warum er tut, was er tut. Wenn er das nicht mehr weiß, versinkt er in Depression. Die Möglichkeit zu haben, reicht nicht; er braucht ein Warum. Und dieses Warum verdampft mehr und mehr. Noch geht es uns gut genug, dass wir uns deswegen nicht die Fresse polieren. Doch sogar in diesen unschuldigen kleinen Mitteilungen hier qualmt manchmal eine Aggressivität und Aufgebrachtheit hoch – durchaus auch bei mir, natürlich -, die ich auch zumindest des Notierens wert finde.

    Meine These war ja auch, ganz unschuldig, dass eine der Funktionen von Kunst die Totalisierung ist. Ein Kunstwerk hilft uns, uns vorsätzlich eine Totalität vor Augen zu führen. Der Roman z. B. zwischen Cover und dem letzten Wort. Das ist etwas Ganzes, anders als ein Tag, der vom letzten Tag herüberlappt und dann irgendwo im Meer des Mehr Tage verschwindet. In einem Kunstwerk nimmt in der Totalen wahr, lernt, verschiedene Aspekte zu gewichten und zu berücksichtigen, lässt also dem Einzelnen – auch der einzelnen Meinung, wie hier – ihr spezifisches Eigenrecht, ohne zu vergessen, dass wir irgendwo leider auch alle konvergieren müssen, und sei’s in ferner Zukunft, damit wir nicht auseinanderdriften in den Krieg aller gegen alle. Und dieser Konvergenzpunkt, das ist vielleicht – vielleicht, ich weiß es im Augenblick wirklich nicht – das Warum, dessen Schwinden so unheilvolle Folgen hat.

  11. Veröffentlicht 17.06.2009 in 22:07 | Permalink

    Also ich weiß nicht warum dir das so Bauchschmerzen bereitet, denn die meisten Konflikte, die mir im ersten Moment einfallen, waren solche, in denen eine oder zwei oder drei oder X Seiten absolut beschlossen hatten, was gut und was nicht so gut ist und da auch nicht drüber reden wollte. Und, ganz ehrlich, ich sehe nicht, wo das heute aufgehört hätte: Eher im Gegenteil. Kurz vor dem Irakkrieg dachten im Westen doch mindestens 50% der Leute, dass der Irak Massenvernichtungswaffen hat. Gut, nicht dass man ihn deswegen angreifen müsste, aber doch, dass er Waffen hat. Heute hörte ich im DLF, dass Musawi eine Nachricht bekommen hätte, dass Ahmadineschad nur 12% aller Stimmen auf sich vereinigen konnte. In diesem Kontext wurde nicht von Wahlfälschung, sondern von einem Putsch gesprochen. Das sind die ersten Schritte Richtung Krieg. Also nicht, dass ich glaube, dass es einen Krieg geben wird, aber es ist meines Erachtens Meinungsmache. Dass Ahmadineschad die Wahlen tatsächlich überragend gewinnen konnte halte ich auch nicht für glaubhaft. Tatsache ist, dass er durchaus unterstützt wird. Trotzdem wird, da bin ich mir sicher, der „Putsch“ sich im Volksmund rumsprechen wie ein Lauffeuer. Wirklich, ich wünschte mir manchmal, wir könnten ein wenig postmoderner sein. Die Worte lassen sich nicht mehr so elitär wie früher stabilisieren, aber stabil sind sie dennoch, vielleicht stabiler als früher.


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