Asyl, Exil. Exil, Asyl. Mir scheint, die Begriffe werden unterschiedlich gewogen: als wollte man berechtigten von unberechtigtem Aufenthalt unterscheiden. Als würde in einem Zug ein Urteil gefällt, das im einen Fall mit Anerkennung und Wohlwollen, im anderen mit einem Unwohlgefühl und Kopfschmerzen verbunden ist. Feuchtwanger, Brecht, Adorno und Horkheimer, Chaplin, die Manns, Marlene Dietrich – das waren doch keine „Asylanten“. Man käme kaum auf die Idee, eine „Schriftstellerin im Exil“ als „Schriftstellerin im Asyl“, als „Asylschriftstellerin“, zu bezeichnen. Flüchtlinge dagegen sprechen selten davon, hierzulande „im Exil“ zu leben; eher werden sie und er, Heimen zugewiesen, toleriert, geduldet, marginalisiert. Als wäre bereits das Wort faulen, türkischen Ursprungs.
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7 Kommentare
Ich will jetzt auch mal rummeckern. Heinrich Mann z. B. hat ein sehr bescheidenes Leben als Exilant geführt, nur sein reicher, steinreicher, weltberühmter Bruder hat ihm ein „standesgemäßes“ Leben garantiert. Alfred Döblin, das wäre auch so einer, der war auch auf Almosen angewiesen, letztlich sogar Bert Brecht, der gegen das Hollywood-System gewettert hat. Der hat mit Charles Laughton den „Galilei“ gemacht, und weshalb waren all diese Weltberühmten so schnell zurück in Europa? Kritik an der Konsumgesellschaft? In diesem Sinne sind „Exilanten“ auch Leute wie Raymond Chandler gewesen, die, obwohl nicht auf der Flucht, auf der Flucht waren, weil sie Hollywood auch beschissen fanden und dessen System ablehnten. Es ist ja wahr, dass bei Suhrkamp nie und nimmer ein Band „Literatur der Asylanten“ hätte erscheinen können, in dem Kanonen wie Heinrich Mann und Brecht vorkamen. Furchtbar peinlicher Titel. Aber das Argument ist gleichwohl etwas polemisch. Als wäre es kurdischen Ursprungs.
Was spricht gegen die Polemik? Was mir – und ich gebe gern zu: nur sehr vage – aufgefallen ist, ist eine unbestimmte, latente Wertung, mit der ent- und unterschieden wird, wer im Exil ist und wer Asyl beantragt. Die Almosen sind’s definitiv nicht. Macht’s vielleicht der Intellekt? Ist das Exil öffentlichen Personen, Schriftstellern, Intellektuellen, Akademikern, Stars und Ikonen vorbehalten? Entwurzelung, Vertreibung, Flucht – als gäbe es für solche Fälle eine Skala, anhand der man über eine „Hierseinsberechtigung“ entscheiden könnte.
Ich finde Deine Beobachtung auch ganz richtig. Auch finde ich ihre Formulierung hervorragend, sehr pointiert und gewitzt. Mein Argument sollte eigentlich nur ergänzen: Was den Exilanten von anno Dazumal aus heutiger Sicht die Aufwertung verschafft, ist der Gegner – Hitlerdeutschland. Das war damals noch eine Welt, die man klar in Gut und Böse einteilen konnte. Heute weiß man ja immer nicht so recht – wovor sind diese Leute eigentlich WIRKLICH auf der Flucht? Natürlich ist es barbarisch und grausam, so zu denken, wirkliche Not und echtes Elend in Zweifel zu ziehen und in Frage zu stellen. Aber die ganze Welt ist nun einmal in einer Unklarheit versunken, von einem Zwielicht durchstrahlt, dass sich solche edlen Kategorien nicht mehr aufrecht erhalten lassen. Wir alle tapern auf dieser kapitalistischen Global-Müllhalde herum und beschnüffeln uns gegenseitig. Und so kommt es eben, dass einer, der als Dichter ins Exil geht, weil man ihm sonst seinen dichtenden und denkenden Kopf abschlüge, als amtlich beglaubigter Asylant mit dem Nimbus der Scheinheiligkeit und moralischen Zweitklassigkeit zu kämpfen hat.
Ein schöner Hinweis darauf, wie mit Worten umgegangen wird. Es ist nicht nur so, dass das „Asyl“ in der öffentlichen Debatte oftmals den Beigeschmack von Nutznießerei hat, der Komplex „Menschen im Exil“ hat zudem noch den Aspekt von gesellschaftlicher Wichtigkeit. Miłosz war Exilant, Brecht, Wittgenstein, Popper, Aktivisten waren es, die mehr oder weniger öffentlichkeitswirksam gegen ein System eingetreten sind… und man möchte etwas zynisch und auch selbstkritisch hinzfügen: dessen Umsturz auch von öffentlichem Interesse war.
Weil ich hier gerade von Literatur von Asylanten/Exilanten lese: Weg und Wohin. Ein Literatur- und Kunstblog rund um Flucht und Asyl (Im Aufbau).
Es sollte aber auch nicht vergessen werden, das beim „Exil“ immer auch ein Unterton der Selbststilisierung mitschwimmt. Somit würde ich die beiden Begriffe nicht unbedingt auf eine Fremdzuschreibung (politisch) verkürzen, sondern sie vor allem als eine Selbstbeschreibung sehen. Exil ist immer, oder zumindest oft, mit einem unrechtmäßig unterdrückten Anspruch im Ursprungsland verbunden, während beim Asyl eher die Flucht vor einer, wie auch immer gearteten, Macht überwiegt, deren Rechtmäßigkeit nicht unbedingt hinterfragt wird.
Da kommt dann natürlich wieder das Argument der Zuschreibung ins Spiel, so wie du es beschrieben hast…
@ pathoblogus: Danke für den Hinweis – auch wenn ich nicht hundertprozentig weiß, ob ich mich Dir anschließen kann. Fremd- und Selbstzuschreibung müssen sicherlich getrennt werden, zumal beide Begriffe auch einen jeweils eigenen Rechtsstatus bedeuten. Trotzdem: ich habe den Eindruck, dass sich Selbst- und Fremdzuschreibung in diesem Fall doch besonders auffällig überlagern. Ich kenne (auf ehrenamtliche Erfahrung zurückgreifend) kaum einen politischen Flüchtling, der sich als ‘Exilant’ bezeichnen würde; er ist und bleibt ‘politischer Flüchtling’, der ‘politisches Asyl’ sucht.
Und diese „Aufwertung“, @ blogozentriker, hält an, wenn auch nicht so beständig wie vor zwei drei Generationen; aber sie ist ähnlich selektiv. Die Fronten der Welt mögen sich vervielfacht haben; sie mögen auch verschwimmen – trotzdem haben viele Europäer klare Gegner vor Augen. Man denke nur an den gegenwärtigen Deutschlanderfolg der Literaturen aus der Türkei, Afghanistan, dem Iran, Pakistan und Indien, dem Fernen Osten. Das sind allesamt Regionen, auf die ‘wir Europäer’ die ein oder andere Angst projizieren. Würde Madagaskar plötzlich die internationale Aufmerksamkeit zuteil, die dem Mittleren Osten gewidmet wird … Du kannst sicher sein, wir redeten plötzlich von ‘Dissidenten’ und ‘Exilierten’, nicht von ‘Asylanten’.