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Ansatzsache

Ich muss, merke ich, nochmal auf Heinz Budes Vortrag im Rahmen des tazkongresses zurückkommen. Seit jenem Wochenende rumort ein Gedanke in meinem Kopf – nicht als Kritik; eher als Nachtrag, als Anfügung; als ab- und umschließende Frage, wenn man so wollte.

Budes Argument baut ja auf geläufigen Definitionen auf: dass man Entfremdung im weitesten Sinn als Feststellung einer Spaltung, einer Differenz zwischen Selbst und Umwelt interpretieren darf. Man erkennt sich selbst nicht mehr in den eigenen äußeren Wirkungen, der geleisteten Arbeit, wieder. Das Ego als ursprüngliche Einheit muss also zerborsten werden, um eine ursprünglich reine Innerlichkeit plötzlich oder allmählich einem schmutzigen Außen gegenüberstellen zu können – das wäre die psychologische Erklärungsvariante – ; oder man findet sich als Individuum in eine Monotonie der Konformität gezwängt, die eine freie Entfaltung des Selbst hemmt und nur durch die Beseitigung jeglichen Zwangs und der Aufgabe des Diktats rationalistischen Betriebs garantiert werden kann – soweit die marxistische Deutungslogik.

Bude führt beide Interpretationsmuster in einem geschickten (ihm eigenen?) Zug allerdings auf ein und dieselbe Ursache zurück: auf einen übermäßigen Narzissmus. Entfremdung begreift er daher allgemeiner als Angst vor der Unselbstähnlichkeit der Welt mit dem eigenen Selbst, als Projektionsneurose quasi – und kann damit sehr viel präziser fassen, was sie im Kern seiner Ansicht zufolge ist: Entfremdung ist nämlich „Angst vor Entfremdung“ (Bude); Angst vor der Spaltung, der Differenz zwischen Ich und Welt. In einer so widerspruchsbelasteten Gesellschaft, für die sich inzwischen alle ironische, d.h. postmoderne Affirmation leergelaufen habe, äußert sich Entfremdung für viele daher als Angst vor der Unerträglichkeit des Eingeständnisses, dass das Streben, Gutes zu wollen, sich nicht mit der Erkenntnis deckt, dass alles Gute – wenn überhaupt – nur einen blassen Augenblick überdauert. Entfremdung ist also Angst vor dem Verlust der Deckungsgleichheit – Angst vor der Ent-Deckung der Unfähigkeit, auf Selbstkontrolle zu verzichten.

Man ahnt vielleicht, was Bude daraus ableitet. Weil Entfremdung Angst ist, kann man ihr entgegenarbeiten. Man muss sich dafür allerdings aus der Unterhaltungsgesellschaft befreien, denn sie spielt vor allem mit einer Sehnsucht der Schließung: Hinter der Flucht in Erlebnisse, dem Aufgehen in Events versteckt sich im Kern nichts anderes als der verkappte Versuch, alle verlorengegangene Selbstähnlichkeit wiederherzustellen. Umso konsequenter gilt es daher, die mentale Perspektive zu verschieben. Man müsse durch die Kultivierung eines Gefühls der „Unentfremdetheit“ (Bude) zu schätzen lernen, dass man in einer „anständigen Gesellschaft“ (Bude) lebe, die allen Herausforderungen zum Trotz eine freiheitlich-demokratische, soziale und liberale ist. Erst durch die grundlegende Bereitschaft, sich „über den subjektiven Schmerz [des Verlustes der Selbsteinheit] hinaus der objektiven Tragik der Welt hingeben zu können“, werde es möglich, weniger die Monotonie (post)industrieller Arbeit zu bedauern als vielmehr Stolz am Vollzug und an der Beteiligung eines (Arbeits)Vorgangs zu entwickeln.

Soweit eine eilige Zusammenfassung des Vortrags, in dessen Anschluss mich eben eine ab- und umschließende Frage beschäftigt, die dort ansetzt, wo Bude zu Ende denkt. Ob man nämlich inzwischen nicht schon längst gelernt hat, sich der objektiven Tragik der Welt hinzugeben: weil man so oft so deutlich auf den grundlegenden Widerspruch hingewiesen wird, dass man doch natürlich! in einer anständigen Gesellschaft lebt – deren Privilegien und Freiheiten jedoch nur durch die nachhaltige Benachteiligung anderer Gesellschaften, anderer Regionen auf unterschiedlichsten Ebenen möglich wird. Man lebt also mit einer gewissermaßen latenten Schizophrenie: Man weiß, sei es nun ausgesprochen oder nicht, um die Vorzüge, mit denen man geboren, erwachsen und alt wird; man weiß aber gleichzeitig auch darum, wie sie anderen vorenthalten werden, während wir ihnen das Gegenteil versprechen. Die Medien berichten tagein tagaus nichts anderes. Könnte es also sein, dass es genau dieses ‘irrtreibende’ Wissen ist, das meine Freiheiten und Privilegien entwertet; das mir jeglichen Stolz raubt; das mich immer mehr entfremdet?

12 Kommentare

  1. Veröffentlicht 11.05.2009 in 19:37 | Permalink

    Netter Beitrag, danke! Der Vortrag war sehr unterhaltsam. „Heute so, morgen so“, sehr lustig

    Die Thematik, wie Bude sie bringt, erinnert mich aber sehr stark an eine grundlegende Diskussion innerhalb der Phänomenologie, der Existenz- bzw. der Dialogphilosphie. Die Diskussion darüber, ob das Dasein zuerst und vor allem es selbst ist, oder ob der Mensch bloß durch die Anderen er selbst ist. Da ist ein wichtiger Unterschied zwischen Heidegger und Sartre. Auch aus der Sicht anderer Bereiche ist diese Position durchaus nicht neu. Er hat ja selbst Levinas erwähnt. Bei Deleuze ist das Ganze auch sehr leicht nachvollziehbar –> Schizo. Irgendwie kommt er also nicht von der Postmoderne weg.
    Allerdings hat er es wirklich sehr mitreißend dargebracht.

  2. Veröffentlicht 12.05.2009 in 22:53 | Permalink

    Mitreißend und unterhaltsam ist er wohl, der Herr Bude, das stimmt; aber „lustig“ finde ich seinen Versuch, Entfremdung zu verhandeln, weniger, geht es doch schließlich darum, Gründe für eine zunehmende Erosion ‘öffentlicher’ oder ‘gesellschaftlicher’ Sphären auszumachen, ein Unbehagen zu benennen. Mein Einwand ist eben nur der, dass er in der bewährten Kategorie „unserer“ Gesellschaft denkt und damit gröbere, globale Zusammenhänge in der Folge ausblendet – die allerdings durch ihren Einbezug (wenn auch vielleicht nur für mich) „unsere“ latente Ablehnung gegenüber dem status quo erst verständlich machen.

  3. Veröffentlicht 16.06.2009 in 22:35 | Permalink

    Man müsse durch die Kultivierung eines Gefühls der „Unentfremdetheit“ (Bude) zu schätzen lernen, dass man in einer „anständigen Gesellschaft“ (Bude) lebe, die allen Herausforderungen zum Trotz eine freiheitlich-demokratische, soziale und liberale ist.

    Verstehe ich das richtig? Ich fühle Selbstentfremdung, deute sie als Angst vor ihrer selbst, und löse das Problem, in dem ich mir – autosuggestiv – einrede, dass die Welt von Tragik durchwirkt ist, und die selbst erlebte daher nicht weiter schlimm ist?

  4. Veröffentlicht 17.06.2009 in 13:29 | Permalink

    Ja: Wie jede Angst ist diesem Ansatz zufolge auch Entfremdung ein verkappter Zugang zur Welt, auf den man eingehen kann. Ich kann ihm da nur zustimmen. Die Psychoanalyse bestückt uns nicht mit letztendlichen Wahrheiten über unsere seelische Natur, so gern wir das auch glauben wollen; und auch die marxistisch inspirierte Entfremdung ist da ähnlich voreingenommen. Letztendlich bleibt es eine Frage der Setzung, was man als die eigene, idealerweise unentfremdete Einheit / Umwelt definiert, in der man (wieder) zu „sich selbst“ findet …

  5. Veröffentlicht 17.06.2009 in 22:21 | Permalink

    Letztendlich bleibt es eine Frage der Setzung, was man als die eigene, idealerweise unentfremdete Einheit / Umwelt definiert, in der man (wieder) zu “sich selbst” findet …

    Eben. Das Ganze ist doch zirkulär; mit Trauer würde es genauso funktionieren. Nicht dass das gänzlich illegitim wäre, aber jedes Lebenshilfebüchlein sagt doch selbiges.

  6. Veröffentlicht 18.06.2009 in 19:32 | Permalink

    Versuchte Annäherung: Ohne Frage ist das Argument zirkulär, und irgendwie würde auch Budes Vortrag ganz gut als „Lebenshilfestellung“ durchgehen. Der Unterschied zwischen Deinem Beispiel und den Thema Entfremdung ist die ‘Betreffebene’, wenn Du’s so nennen wolltest: Entfremdung à la Marx und Freud ist ja weniger eine persönlich-konkrete Verlusterfahrung, sondern ein latentes Unwohlsein gegenüber den umgebenden Zuständen; gefühlt, nicht erlitten.

  7. Veröffentlicht 23.06.2009 in 21:10 | Permalink

    Überzeugt mich nicht. Entfremdung muss doch zuerst auf einer persönlichen Ebene erfahren werden (ansonsten wäre sie nur vermutet), d.h. wenn sie weniger [...] persönlich-konkret ist, dann nur weil wir sie abstrahieren und verallgemeinern. Und Fühlen vom Erleiden zu trennen, scheint mir schwerlich möglich.

  8. Blogozentriker
    Veröffentlicht 24.06.2009 in 09:54 | Permalink

    Eine Frage: Macht das Tückische an der „Entfremdung“ nicht aus, dass sie eben NICHT bemerkt wird und also KEIN Leiden hervorruft? Sondern, im Gegenteil, uns dazu bringt, GEGEN UNSERE NATÜRLICHEN NEIGUNGEN uns mit äußeren Gewalten zu identifizieren? Mit unserem Unterdrücker, mit unserem Arbeitgeber, mit dem Kunstbetrieb etc.? Wenn die Entfremdung konkretes Leid verursachte, wäre sie nicht so mächtig. Das von ihr verursachte Leiden findet ausschließlich im Erkenntnisapparat statt, und eben nur bei einigen Menschen – die einen Erkenntnisapparat haben! Genau darum ist die Entfremdung so außergewöhnlich erfolgreich. Ich glaube fast, Entfremdung BEFREIT uns vom Leid!

    • Veröffentlicht 24.06.2009 in 21:51 | Permalink

      Eine Frage: Macht das Tückische an der “Entfremdung” nicht aus, dass sie eben NICHT bemerkt wird und also KEIN Leiden hervorruft? Sondern, im Gegenteil, uns dazu bringt, GEGEN UNSERE NATÜRLICHEN NEIGUNGEN uns mit äußeren Gewalten zu identifizieren? Mit unserem Unterdrücker, mit unserem Arbeitgeber, mit dem Kunstbetrieb etc.?

      Das ist indiskutabel – und zwar im Wortsinn: Wenn etwas vorhanden ist, aber von mir nicht festgestellt werden kann, weil ich es nicht fühlen bzw. erkennen kann, wie sollen wir uns dann sinnvoll darüber austauschen? Da scheint mir ideologische Notwendigkeit durchzuschimmern. Außerdem glaube ich nicht, dass es sinnvoll ist, allen denselben Wesenskern zu unterstellen.

      Zustimmung dazu, dass Entfremdung sich einschleicht, und schwer auszumachen ist; wenn ich mich aber von mir selbst entfremde, dann muss ich es auch bemerken können (was die Hilfe anderer nicht ausschließt).

  9. Veröffentlicht 24.06.2009 in 15:00 | Permalink

    Entfremdung befreit mich von meinem Leid?? Das überzeugt wiederum mich nicht. Dafür gehe ich mit Herrn Blogozentrikers Beobachtung überein, dass Entfremdung sich eher unbemerkt einschleicht, um’s mir als hintergründiges Unbehagen unbequem zu machen. Unter ‘Entfremdung’ schwebt mir mit Roger Willemsen ein „Knacks“ vor, den man auf kein konkretes Erlebnis zurückführen kann. Sie ist eine leise Weichenstellung, kein abrupter Verlust, plötzlicher Einbruch.

  10. Blogozentriker
    Veröffentlicht 24.06.2009 in 18:01 | Permalink

    Lieber Lyam, nein, da muss ich widersprechen! Wäre die Entfremdung etwas, das mit Unbehagen einhergeht, dann wäre sie sofort ausgehebelt. Mir scheint, Du verwechselst Entfremdung mit Langeweile? Ich glaube, Entfremdung ist eine Art psychische Anästhesie. Jeder Kinofilm, der uns unter unserem Niveau erreicht, entfremdet uns. Aber empfinden wir bei solchem Amüsement nicht größtes Behagen? Und wer hat nicht schon einmal das Glück empfunden, genau so zu sein wie die Leute um einen herum – und von denen wussten wir dabei genau, dass sie entfremdet sind! In solchen Momenten partizipiert man also an einer Entfremdung zweiter Ordnung, und es ist, das wissen wir alle, großartig, wenn wir UNS SELBST NICHT MEHR SPÜREN!

  11. Blogozentriker
    Veröffentlicht 24.06.2009 in 18:03 | Permalink

    PS: Ich glaube, Du bringst das Konzept der Entfremdung mit dem Verfremdungs-Effekt durcheinander – der führt tatsächlich eine zweite, unheimliche, da asynchrone Ebene der Wahrnehmung ein. Wie Du es beschreibst. Die Entfremdung hingegen wirkt jenseits des Bewusstseins, unbemerkt.


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