überspringe Navigation

Kulturwissenschaften & Kritische Masse

Ich beschränke mich mal auf die Kulturwissenschaften: Man orientiert sich als (angehender) Akademiker an keinem Konzept dessen, was man gemeinhin „Öffentlichkeit“ nennt. Die Frage stellt sich einfach nicht: Ganz vage glauben viele, die sich da seit dem Poststrukturalismus mit ihrer politisierten Lehre etabliert haben, an „Zivilgesellschaft“ oder den „öffentlichen Raum“, als ob es selbstverständlich sei, an wen man sich da richtet, zu wem man eigentlich spricht, wen man aufklären möchte. Fast stellvertretend reicht ein Verweis auf Foucault und Barthes. Für den Ersteren fallen akademische Lehre und öffentliche Stellungnahme ineins: „teaching [… is] in other words […] making a public statement”; der Letztere betont: „the origin of a spoken discourse does not exhaust that discourse; once set off, it is beset by a thousand adventures”. Von diesen beiden Annahmen über das ‚Abenteuer Diskursintervention’ zehrt vermutlich das seichte Beharren vieler Akademiker, mit dem sie ihre Lehre und publizistische Arbeit als politische wahrgenommen wissen wollen: Wir lehren, also wirken wir.

Wenn dem so wäre: Warum hat sich gesellschaftspolitisch so wenig bewegt? Wenn dem so wäre: Warum, naiv gefragt, keine friedlichere, gerechtere Welt als die, von der wir glauben, sie sei vor sechzig Jahren neu geordnet worden? Modernisierungs-, später globalisierungskritische Meinung konnte für sich zwar einen eigenen akademischen Freiraum konsolidieren – und trotzdem als politische Kraft keine langfristigen Wirkungen durchsetzen. Direkter formuliert ist die Folge dieser doppelten Disziplinierung – Etablierung im Kanon der Geisteswissenschaften bei gleichzeitiger Wirkungsbegrenzung – mehr oder mindere politische Belanglosigkeit. Ihr Veränderungspotenzial versickert im Relativismus der Mainstream-Meinungen.

Nicht, dass ich missverstanden werde: die Kulturwissenschaften sind nicht unpolitisch, sondern „lediglich“ politisch kraftlos. Wie kommt es eigentlich dazu, dass eine Gesellschaft, die so liberal wie die unsere ist, selbst ihre scharfsinnigsten Kritiker nicht nur zu dulden, sondern sie sogar zu neutralisieren imstande ist? Einer der für mich plausiblen Ursachen für diese Zahnlosigkeit widmet sich Russell Jacoby in The Last Intellectuals. Seine Wahl des Titels mag man für tendenziös halten, womit aber der richtigen Analyse seiner Arbeit nur wenig genommen ist. Auf den Punkt gebracht lautet seine Beobachtung: akademische Professionalisierung bedeutet Konzentration intellektueller Energien auf eine enge Disziplin – und damit die Verdrängung von Kritik an größeren, übergreifenden, gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen. Die alltäglichen Sach- und Karrierezwänge akademischen Lebens stünden öffentlichen Interventionen eher entgegen als dass sie durch die Freiheit der Forschung erleichtert würden und verstärkten den Trend, die Öffentlichkeit durch Fachkollegen und sprachliche Verständlichkeit durch Jargon zu ersetzen.

Was also ehemals und in anderen Kreisen als ‚l’art pour l’art’ Revolution verheißen hat, gilt inzwischen unfreiwillig und mit umgekehrter Wirkung für die Akademie: geschrieben und gelehrt wird ‚le texte pour le texte’, aber nicht pour la societè.

Wie dann die Gesellschaft verteidigen, wenn der Geist also gerade aus den Geisteswissenschaften auszieht? Rückabwicklung? Entjargonisierung? Populistische Pamphlete gegen die G8 und Solidarität mit Attac? Ich hoffe nicht. Die Sehnsucht, nach wie vor „kritische Massen“ herstellen zu können, ist im Kern gar nicht falsch – vorausgesetzt, man ist bereit, den Begriff auszuweiten.

Die Idee der „kritischen Masse“ ist mir erstmals im vergangenen Jahr im Rahmen der re:publica begegnet; in den einzelnen Veranstaltungen wurde er allerdings nur zitiert, nicht bearbeitet. Ich halte es (inzwischen, will ich ehrlich hinzufügen) für einen Irrtum, mit ihm allein das Gewicht der demokratischen Mehrheit, die schlichte Masse der Zahl bezeichnen zu wollen. Neben der „kritischen Masse“ sollte man auch die „kritische Masse“ auszumachen versuchen: das Gewicht des Einflusses, der Entscheidungsgewalt, der Nähe zur Macht. Während zig Tausende vor den Zäunen Heiligendamms gegen die G8 campieren und ihre Kritik auf Regierungsköpfe projizieren, reiben wir uns wenig an den ursächlichen Verfassern vieler Politikentwürfe: an Think Tanks und Forschungsinstituten, Wirtschafts- und Politikberatern, Eliteuniversitäten. Man nehme als nur eines der vielen möglichen Beispiele die School of Advanced International Studies der John Hopkins University in Washington. Obwohl sie einen ausgesprochen engen Kontakt ins Weiße Haus pflegt, wird sie von uns in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Die Meinungen, die der Nachwuchs veröffentlicht: erzkonservativ und dem Anspruch, den ich von einer Elite erwarte, ganz und gar unangemessen. Ist es, zugespitzt gefragt, nicht schon lange an der Zeit, die kulturwissenschaftliche Fundamentalkritik an „der Globalisierung“ zu konkretisieren, unter anderem durch verstärkte Aufmerksamkeit für Geographien der Macht: Personen, Institutionen, Netzwerke – eben „kritische Massen“?

4 Kommentare

  1. Veronika
    Veröffentlicht 10.04.2009 in 13:23 | Permalink

    @ willyam
    „die kulturwissenschaftliche Fundamentalkritik an „der Globalisierung“ zu konkretisieren, unter anderem durch verstärkte Aufmerksamkeit für Geographien der Macht: Personen, Institutionen, Netzwerke – eben „kritische Massen“?“

    Wie denkst Du könnte diese Fundamentalkritik Aussehen? In welcher Form?
    Möchte mir gern darunter was vorstellen..
    Institutionalisiert?
    Eine Institution die diese Systeme und Strukturen interdisziplinär untersucht um nicht zu sagen überwacht? Eine Art Machtethikkommission?
    Eine Studienrichtung die sich fächerübergreifenden gesellschaftlichen Strukturen widmet nicht nur theoretisch sondern vor allem praktisch? Im Sinne vom Dialog mit den „Massen“? Sind wir dann nicht wieder bei einer meinungsbildenden Institution die genauso „manipulativ“, weil selektiv wie ohnehin vorhandene wäre/sein könnte?
    Läuft so eine Unternehmung (nach meiner Vorstellung) denn dann nicht auch wieder Gefahr in einer Art bereits herrschenden Mainstream zu ertrinken, sich wiederum in einer neuen disziplinären Ecke zu konzentrieren, dem Verlangen nach Kontrolle und Macht zu erliegen, steht der Unabhängigkeit ihrer nicht auch wieder der Überlebenskampf in diesem System entgegen und die unter Umständen wiederum ausbleibende Kritik an sich selbst?

    Aber ich denke Du forderst den Einzelnen.. nur wie viel Einblick ist nötig und wie viel Einblick in Machtstrukturen und Netzwerke, die ja nicht grade immer offen liegen, ist einem Normalsterblichen überhaupt möglich? Obendrein denke ich dass die „gemeine Masse“ in vielen Bereichen viel zu unsensibel ist im Bezug auf ihre Rechte und Möglichkeiten. Bleibt einzig und allein die verstärkte Forderung nach Transparenz an der man ansetzen kann..

    • Veröffentlicht 12.04.2009 in 12:35 | Permalink

      That’s the point: Transparenz. Ich kritisiere ja nicht, dass die Kulturwissenschaften nicht kritiseren, sondern dass sie über den Weg der traditionellen Öffentlichkeit wenig erreichen – unter anderem, weil sie diese ominöse Öffentlichkeit einfach nicht definieren und sich gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozessen widmen.

      Was alle Deine Fragen anbelangt: Ich bin da kaum in der Lage, etwas wirklich sinnvollen zu zu sagen. Schlicht und ergreifend aus dem Grund, dass ich gerade dabei bin, immerhin diese Kritik zu formulieren, die man innerhalb kulturwissenschaftlicher Institutionen viel zu selten hört. Von einer Antwort, eine Skizze dessen, was kommt oder kommen könnte, bin ich noch weit entfernt.

      Zu der grundsätzlichen Umpolung muss man jedenfalls, ganz wie Du schreibst, jeden – nicht alle! – auffordern. Und gerade weil es letztlich Individuen sind, die aufgrund mangelnder Kritik Macht ballen und die Macht ballen, indem sie Kritik üben, kann ich kein institutionalisierbares Programm feststellen. Weil Dynamik und Tiefe der Strukturen einfach zu groß sind. Weil es nicht um den einen richtigen, goldnen Ansatz geht. Keine Institution, keine Kommission also – um Dogmatik zu vermeiden. Und selbst wenn sich Aufmerksamkeit auf ein „Institut“ oder ähnliches konzentrierte, würde es sich in der Folge zeigen müssen, wie man es mit der Verantwortung hält, die man so lange für sich in Anspruch genommen hat. [Soweit wird es allerdings nicht kommen: für eine solche Hegemonialstellung ist unsere Gesellschaft zu plural.]

      Das vielleicht als Anfang?

      • Veronika
        Veröffentlicht 15.04.2009 in 10:30 | Permalink

        ja..
        Letztlich wäre eine Institution wieder nur eine Interessensvertretung wie eine Art Partei die wiederum einen Konsens bildet und damit Macht, als den „einzig richtigen“ Blickwinkel, auf ihre Seite zieht.

        Dass die Strukturen nicht einfach zu überblicken und Deine Kritik nicht leicht zu formulieren und selten gehört ist, ist mir bewusst erlaube mir trotzdem noch eine Idee – vielleicht ist sie ja auch viel zu vage.. sicherlich ist die Forderung nachTransparenz ein wichtiger Punkt und sicherlich ist es richtig sich hierbei an den Einzelnen zu wenden.. aber ich sehe das eigentliche Problem davor denn ein grundlegendes Problem unserer Gesellschaft ist fehlende Fragekultur.. vielleicht auch in Österreich noch ein bedeutend größeres Problem als in Deutschland..

        Was ich mir in der Hinsicht vorstellen kann oder ein Punkt an dem man ansetzen kann sind Schulen.. – nicht in Form einer Indoktrination.. aber bezüglich der Unterrichtsmethoden – gerade wenn man jetzt den Frontalunterricht, den „fragenden und entwickelnden“ Unterricht (eine Form des Frontalunterrichts) betrachtet und auch viele andere Unterrichtsmethoden so sehe ich hier eine massiven Kritikpunkt und auch einen guten Ansatzpunkt was die Praxis Deiner Theorie anbelangt.
        Denn fragender und entwickelnder Unterricht verläuft nicht anders als, dass die Lehrperson mit gezielten Fragen an ein Thema heranführt – was aber letztlich dazu führt, dass Schüler lediglich versuchen zu erraten was man denn nun von ihnen hören will und man sie ebenso wie im gewöhnlichen Frontalunterricht somit nicht in die Lage bringt eigenständig Fragen zu stellen und zu formulieren.. sondern denjenigen der alles weiß als Solchen hinzunehmen.
        Man lehrt in Schulen in den seltensten Fällen Fragekultur, kritisches Betrachten und Beleuchten von Sachverhalten aus verschiedenen Blickwinkeln.. – natürlich muss ein gewisses Pensum an Stoff weiter gegeben werden nur das Wie ist entscheidend.. dogmatisch oder eben – wenn auch wesentlich schwieriger durchzusetzen – kritisch und eigenständig hinterfragend.

      • Veröffentlicht 16.04.2009 in 08:47 | Permalink

        Das ist haargenau das, was mein Prof. als Möglichkeit zitiert – und auch in seinen Seminaren und Vorlesungen umsetzt: Du gehst mit einem Haufen Fragen und kaum Antworten nach Hause. Wie er oft sagt: „Eine gute Arbeit beantwortet vielleicht ihre Eingangsfrage, wirft aber zum Abschluss fünf neue auf.“ Ein Freund, den ich am Wochenende traf, versucht seinen Unterricht ähnlich zu gestalten, stößt allerdings auch auf das Problem, das Du schilderst. Die Schüler sind auf dem schnellsten Wege ausschließlich damit befasst, herauszubekommen, was der Lehrer denn eigentlich hören möchte. Irgendwann hat man dann eine „kritische Meinung“ ohne kritische „Hintergedanken“ …


One Trackback/Pingback

  1. [...] gesellschaftspolitisch und ethisch engagierter Geisteswissenschaft gibt mir ja schon länger zu rätseln. Insbesondere sobald man die Außenwirkung akademischer Arbeit öffentlich, d.h. [...]

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben. Pflichtfelder sind mit einem * markiert
*
*