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Aus der Forschung nichts Neues

Am Montag lud das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin unter der Leitung des renommierten Historikers Wolfgang Benz anlässlich der Veröffentlichung seines 17. Jahresheftes für Antisemitismusforschung zu einer „Konferenz über das Verhältnis von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit“ ein. Dem vielversprechenden Programm zum „Feindbild Muslim – Feindbild Islam“ setzte Benz bei seiner Begrüßung allerdings schon einen erheblichen Dämpfer auf. Zwar bat er darum, die Diskussion trotz der emotionalen Spannungen, die sie provoziere, sachlich und „auf akademischem Niveau“ zu führen, wies aber anschließend an, er wolle ausschließlich Phänomene und nicht ihre Begrifflichkeiten behandelt hören.

Die Vortragenden hielten sich bedauerlicherweise an die Anleitung und leisteten vielleicht gerade deshalb nicht mehr als eine dumpfe Wiederholung kursierender Gemeinplätze. Man bemühte sich zu Beginn des ersten Panels kurz darum, aufzuzeigen, dass die Schlagworte, die sowohl für aktuelle Charakterisierungen des Islam bemüht werden – seine offensichtliche Bösartigkeit, seine Inhumanität und Aggressivität – als auch die hierzulande in reaktionären Kreisen geschürten Ängste vor „Unterwanderung“ und „Überfremdung“ bereits der Antisemitismusforschung vertraut sind. Bei dieser Skizze beließ man es allerdings auch, und zog sich – man sehe mir die Wiederholung nach – auf Wiederholungen bekannter Positionen zurück. Die Forderung einer Kommentatorin, die Parallelen zwischen Antisemitismus und Antiislamismus von ihren unmittelbaren diskursiven Einbindungen loszulösen und auf einer Metaebene abstrahiert zu betrachten, sollte den offensichtlich engen Forschungsblick auf die Phänomene erweitern, zeigte aber ungewollt die Selbstbeschränkung der Konferenz auf: Alles wurde von der Metaebene einer aus dem Alltag herausgelösten Forschung betrachtet. Mit hilflosen akademischen Gesten wurden Antiislamismus, Islamophobie und Muslimenhass – ob „und“ oder „oder“ machte Benz zufolge ja schließlich keinen Unterschied – nicht konfrontiert, sondern aus gelehrter Perspektive oberflächlich demontiert: „Bei genauem Hinsehen entlarven sich solche Bilder von selbst“, durfte man hören. Diese Art der „Aufklärung“ wurde immer wieder ergänzt durch die politisch korrekte Erinnerung, wie komplex, vielschichtig oder hybrid die Welt doch schließlich sei. Die Feststellung hingegen, dass nicht die Fiktion einer generellen islamischen Bedrohung, sondern der Glaube an sie diese Fiktion zur „Wahrheit“ werden lässt, weil er doch „reales“ Denken und Handeln nach sich zieht, schien sich den Podien nicht als Ausgangspunkt ihrer Verhandlungen angeboten zu haben. Schlimmer noch: Wie wenig eine Auseinandersetzung mit diesen eigentlichen Kernbegriffen, den populären und populistischen Fiktionen des Antisemitismus und der Islamophobie, gesucht wurde, bewies eine Wortmeldung aus dem Publikum. Eine Mittdreißigerin äußerte ihre reaktionäre Haltung offen und warf dem moderierenden Benz vor, er verwässere Fakt und Konstruktion, während die Realität islamischer Bedrohung doch jedem offenkundig sei. Waren im gerade beendeten Vortrag von Yasemin Schooman noch Positionen aus deutschen Qualitätsmedien als Beispiele für einen inzwischen gesellschaftsfähigen Antiislamismus „aus der Mitte“ zitiert worden, wurde die Äußerung stumm hingenommen. Kein Widerspruch, keine Sanktion, keine Konfrontation. Das Schweigen des Podiums, solch offensichtlich mangelnde Souveränität, macht deutlich, wie verlegen man mit dem Phänomen, wie man mit vermutlich vielen Diskriminierungen, umgeht: Im konkreten Fall sieht man weg. In Anwesenheit eines Kreises großer Forscher ist das besonders bedauerlich: er entlarvt sich jenseits seiner akademischen und publizistischen Welt als Sitzung zahnloser Papiertiger.

Wie sehr die Nabelschnur zur Außenwelt fehlt, zeigt auch der ausgebliebene Verweis auf eine Veranstaltung, die nicht nur zeitgleich, sondern auch unter verwandtem Vorzeichen, stattfand: Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble schaltete das Internetforum der Islamkonferenz frei. Regina Mönch ist so freundlich gewesen, für die Frankfurter Allgemeine Zeitung über das Ereignis zu berichten, und nutzt – hier schlägt das Pendel wieder aus der profanen Welt in die Akademie zurück – ihren journalistischen Raum eher, leider, für die Verstärkung antiislamischer Ressentiments:

[D]ie Freigabe des Internetportals am 8. Dezember, am Tag des islamischen Opferfestes, sollte auch eine symbolische Geste der Wertschätzung sein. Nur sei das ein wenig so, als würde man am ersten Weihnachtsfeiertag zu einem offiziellen Termin geladen, merkte Kenan Kolat, Präsident der Türkischen Gemeinde Deutschlands, freundlich-ironisch an.

Vor diesem Hintergrund vielleicht verständlich, dass [d]ie Vertreter des Koordinierungsrates der Muslime [...] dem Fest am Festtag fern[...]blieben. Nicht so für eine aggressiv aufgelegte Frau Mönch. Die Abwesenheit der Ratsmitglieder ist für sie

[d]emonstrativ wie immer, denn die Einladungen waren seit Wochen verschickt, genug Zeit also, um dem Gastgeber zu bedeuten, dass man mit einem solchen Geschenk anderntags glücklicher geworden wäre.

Hätte man, spielen wir den kontrafaktischen Fall durch, die Türkische Gemeinde tatsächlich „dem Gastgeber bedeutet“, wie ungünstig seine Terminwahl gefallen ist: Man will mir doch nicht erklären, die F.A.Z. hätte auf einen entsprechenden Hinweis mit den Versatzstücken „von Schäuble vorgeschlagener Termin: Türkische Gemeinde lehnt ab“ verzichtet. Ich bin mir sicher – die F.A.Z. hätte so geschrieben. Diese Voreingenommenheit deutet Mönchs Titel an, der nicht die Veranstaltung, nicht die durch das DIK-Forum öffentlich verstärkte Diskussion begrüßt, sondern den „kleine[n] Misston“, die an Schäuble gerichtete Aufklärung über die Bedeutung des 8. Dezember für den Islam: „Besser nicht alle Feste feiern, wie sie fallen“.

Nuanciertester Antiislamismus, „aus der Mitte“ eines deutschen Qualitätsmediums (man lese auch die Kommentare). Davon war am Montag zwar viel, aber irgendwie doch nur am Rande die Rede. Das Entscheidende: die Realität, blieb außen vor.

5 Kommentare

  1. Veröffentlicht 11.12.2008 in 21:48 | Permalink

    Warum mich die von Dir beschriebenen Reaktionen nicht weiter verwundern:

    a) Akademiker sind auch nur Menschen, und selbst wenn man bei ihnen andere Maßstäbe anlegen mag, darf man nicht vergessen, dass ihr Tun ihr Beruf (zugegeben: oft ist es mehr als das, aber was impliziert das eigentlich?) ist, und dass alles was darüber hinausgeht nicht selbstverständlich ist. Nicht jeder will/kann ein öffentlicher Intellektueller sein; da entsteht schon mal eine Kluft zwischen dem Geschriebenen und dem Handeln. Ich sehne das (nüchtern) als völlig normal an (was nicht heißen soll, dass es gut ist).

    b) Es gibt Theoretiker und Tatenmenschen. Simplifizierend: Die einen denken zuviel und vergessen zu handeln und umgekehrt.

    Ich verstehe Deine Einwände. Sie sind vollkommen berechtigt, vor allem weil sie Glaubwürdigkeit einfordern. Aber ich sehe oft genug an mir selbst, dass das gar nicht so einfach ist.

    Ein letztes noch zu den Ismen: Ich halte sie in weiten Teilen für entbehrlich, und man sollte sie wenn möglich durch Argumente ersetzen, denn sie überdecken Vielschichtigkeit, und machen eine Position recht schnell unangreifbar (wenn als Vorwurf gebraucht). Das nur allgemein, nicht auf Deinen Text bezogen.

    Viel Erfolg mit der neuen Heimstatt. Ich jedenfalls bin mit wordpress sehr zufrieden.

  2. willyam
    Veröffentlicht 12.12.2008 in 21:46 | Permalink

    Das erinnert mich doch stark an unsere Fallstricke-Diskussion. :-) Ich kann Dir, einen gutmütigen Moment vorausgesetzt, folgen und Deine Einschränkungen gelten lassen. Jeder agiert (a) soweit es sein Horizont zulässt; (b) soweit er es aus seinem Horizont heraus kann. Der Irrwitz begann am Montag für mich nur an der Stelle, an der ich merkte, dass ich auf der Konferenz nichts Neues lernen würde. Ich wiederhole das noch einmal ausdrücklich: Gestandene WissenschaftlerInnen haben keine Argumente, sondern Gemeinplätze ausgetauscht. Ihre vermeintlichen „Analysen“ hatten – Du magst das für eine Übertreibung halten – keine Tiefe, weil das ZfA (Zentrum für Antisemitismusforschung) sich nur eine letztlich sehr unbeholfene Bestandsaufnahme zugetraut hat. So wenig man Ismen geklärt hat, so offensichtlich hat es versäumt, grundsätzlich Anknüpfungspunkte auszumachen. Dass man, um Beispiele zu nennen, nach den Anschlägen auf das WTC im September 2001 eine Verstärkung antiislamischer Einstellungen feststellen kann, ist nicht neu. Inwieweit Huntingtons Clash of Civilisations und verwandte Werke damit wieder aufgelebt sind, hätte mich interessiert. Dass sein Name noch nicht einmal gefallen ist, hat mich irritiert. Ähnlich verwundert hat mich auch die Aussage einer Podiumsteilnehmerin, die die vielzitierte Angst vor einer „heimlichen Islamisierung Europas“ mit dem Verweis abtat, der Islam hätte diese Islamisierung über die letzten 14 Jahrhunderte doch offensichtlich „verpennt“ (ihr Wortlaut). Dass im 17. Jahrhundert die Osmanen noch vor Wien standen, scheint ihr entgangen zu sein. Warum also nicht den Gedanken wagen, hier Wurzeln oder Verstärker heutiger Ängste vor „dem Islam“ zu suchen? Solche Historisierungsversuche erachte ich als ungeheuer wichtig – aber an ihnen schien der Konferenz wenig gelegen zu sein. Daher und daran anknüpfend meine Kritik am fehlenden Bezug auf ein „Außen“ – ein „Außen“, das (Deinen Einschränkungen nochmals Rechnung tragend) auch an theoretischen Positionen orientiert sein kann. Aber von dieser „Metaebene“ hörte ich auf dieser Konferenz noch nicht einmal den Hauch einer Andeutung.

  3. Veröffentlicht 14.12.2008 in 22:38 | Permalink

    Ja, an die Fallstrickediskussion musste ich beim Schreiben auch denken.

    Ich will noch einmal festhalten: Ich verstehe Deine Kritik, halte sie für gerechtfertigt, nur vermag ich was die „öffentlichen Aspekte“ betrifft, kein moralisches Urteil zu fällen (einfach weil ich hier vermutlich genauso versagen würde).

    Deine Kritik zielt auf die wissenschaftlichen und die öffentlichen (etwa das Beispiel mit der Mittdreißigerin) Belange. Die Frage ist, was man für wichtiger hält. Wenn eine wissenschaftliche Konferenz einmal versagt, ist das zu verschmerzen, glaube ich (mich begeistert auch nicht jeder Vortrag, oder jedes Symposium), selbst wenn es persönlich enttäuschend ist (aber Enttäuschung ist nicht unbedingt negativ). Versagen kommt in der Wissenschaft vor wie überall. Wichtiger – gerade bei dieser Thematik – ist die Öffentlichkeitsrelevanz. Und vielleicht ist die eine mögliche Erklärung: Unter Umständen wollte man schnell eine Konferenz abhalten und signalisieren, dass auch diese Themen diskutiert werden.

  4. willyam
    Veröffentlicht 16.12.2008 in 20:48 | Permalink

    ;-) Ich vermute mal, dieser Standpunkt entspricht eher Deiner Einschätzung?

  5. Veröffentlicht 20.12.2008 in 11:34 | Permalink

    Eher; inhaltlich kann ich nichts zu der Konferenz sagen (habe ja nicht teilgenommen).


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