Wildgänse

Du musst nicht gut sein.
Du musst nicht auf deinen Knien gehen,
100 Meilen durch die Wüste, Reue zeigend.
Du musst nur dem weichen Tier deines Körpers zugestehen,
das zu lieben, was es liebt.
Erzähl mir von deiner Verzweiflung, von deiner, und ich erzähl dir von meiner.
Unterdessen zieht die Welt weiter.
Unterdessen ziehen die Sonne und die klaren Regenkiesel
über die Landschaften,
über die Prärien und die tiefen Bäume,
die Berge und die Flüsse.
Unterdessen machen sich die Wildgänse, hoch oben in der klaren blauen Luft,
wieder auf den Weg nach Hause.
Wer immer du auch bist, wie einsam du auch sein magst,
die Welt bietet sich dir an, deiner Phantasie,
sie ruft nach dir wie die Wildgänse, rauh und aufregend –
dir immer und immer wieder deinen Platz zeigend
im vertrauten Schoß der Dinge.

You do not have to be good.
You do not have to walk on your knees
For a hundred miles through the desert, repenting.
You only have to let the soft animal of your body
love what it loves.
Tell me about your despair, yours, and I will tell you mine.
Meanwhile the world goes on.
Meanwhile the sun and the clear pebbles of the rain
are moving across the landscapes,
over the prairies and the deep trees,
the mountains and the rivers.
Meanwhile the wild geese, high in the clean blue air,
are heading home again.
Whoever you are, no matter how lonely,
the world offers itself to your imagination,
calls to you like the wild geese, harsh and exciting –
over and over announcing your place
in the family of things.

Mary Oliver, “Wild Geese”, in: Dream Work. New York: Atlantic Monthly Press (1986), S. 14.

Wir sind doch Freunde

Im Juni oder Juli diesen Jahres rief eine der namhafteren Nichtregierungsorganisationen – ich glaube, es war Amnesty International – zu einer Unterschriftenaktion auf, die schärfere Kontrollen für den internationalen Waffenhandel forderte. Kein Mausklick, der realistisch betrachtet den Lauf der Welt verändert, aber durchaus einer, den man guten Gewissens tun kann. Jedenfalls: Angesichts der führenden Rolle der U.S.A. auf diesem doch sehr weiten Feld wurde den Unterzeichnenden die bequeme Möglichkeit eröffnet, Präsident Obama mehr oder weniger direkt, nämlich über die Seiten des Weißen Hauses, mit dem Anliegen anzuschreiben. Man kennt das ja: Das vorbereitete Anschreiben copypasten, auf der Seite in das entsprechende Formular einfügen, nach Wunsch personalisieren und schließlich absenden. Das alles ist wenig spektakulär und kaum erwähnenswert, hätte da nicht das Weiße Haus eine Antwortnachricht aufgesetzt. Die mich wiederum vermutlich nur deshalb so amüsiert, weil ich bislang noch nicht weiß, wie das Kanzleramt seine Standardantworten formuliert.

Man könnte zusammenfassen: Thema verfehlt. Man könnte aber auch einwenden, dass das Schreiben alles sagt, was zum Thema zu sagen ist: Schwamm drüber.

Am Anfang war die Leistung

Man bekommt – und ich staune noch immer darüber – ein sehr bodenständiges Gefühl für die zunehmende Schärfe, mit der unser Sozial- und Wohlfahrtsstaat konfrontiert ist, wenn man in unserem Buch der Bücher, der Bibel, nachschlägt. Was dort zum Stichwort “Arbeit” zusammengetragen steht, ist leider ganz auf der Höhe unserer Zeit. Ich erinnere mich noch vage daran, wie Gerhard Schröder seinerzeit als Bundeskanzler Kontroversen provoziert hat, als er seine Position zur Höhe des Arbeitslosengeld II-Regelsatzes mit der nächstliebenden Regel flankierte: “Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen” (2. Thessalonicher 3,10). Die da unten wollen ja auch einfach überhaupt nicht. Amen.

Im Kern argumentierte Schröder damit eigentlich sehr bibeltreu. Der Auftrag “Arbeit!”, könnte man scherzhaft überspitzend zurückblicken, stand von Beginn an – “bevölkert die Welt, unterwerft sie euch” (1. Mose 1,28) – auch wenn die Unterwerfung schon bald, mit der Vertreibung aus dem Paradies, mühselig wird: Der Mensch muss seine Versorgungsengpässe fortan selbst schließen, im Schweiße seines Angesichts (1. Mose 3,14-19). Folglich findet man unter den Ratschlägen Kohelets die Anleitung zu tatkräftigem Handeln:

Am Morgen beginne zu säen, auch gegen Abend lass deine Hand noch nicht ruhen; denn du kannst nicht im Voraus erkennen, was Erfolg haben wird, das eine oder das andere, oder ob sogar beide zugleich zu guten Ergebnissen führen (Prediger 11,6).

Wichtig ist hier schon der Umkehrschluss: “Ist einer träge, so senkt sich das Gebälk, lässt er die Hände sinken, so dringt der Regen ins Haus” (Prediger 10,18). Immer schön anpacken. Work around the clock. Denn Trägheit – das wissen Schröder und ähnlichdenkende Stammtischwähler ganz genau! – ist ja die Grundursache aller Langzeitarbeitslosigkeit. Weshalb sich der Kanzler ja der deutlichen Ansage bediente (ich zitiere nochmal), wer nicht arbeiten wolle, solle auch nicht essen.

Es lohnt sich ein genauer Blick auf den Zusammenhang, in dem dieser Merksatz ausgesprochen wurde – nicht bei Schröder, sondern in der Bibel. Die acht Worte sind die direkteste Botschaft an die Faulenzer und Nichtstuer, eine “Zurechtweisung der Müßiggänger”. Das bedauerliche ist nicht, dass sie vor über 2012 Jahren festgehalten worden sind, sondern dass diese Zurechtweisung mehr als 2012 Jahre später, weit ihrer Zeit entrissen, noch immer in jedem Vorurteil, in jedem Gemeinplatz gegenüber Sozialhilfe- und Arbeitslosengeld II-Empfängern weiterklingt: “[W]ir”, die ehrlich Arbeitenden, “haben uns gemüht und geplagt” – “Tag und Nacht haben wir gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen”, denn – na klar! – “wir wollten euch […] ein Beispiel geben, damit ihr uns nachahmen könnt” (2. Thessalonicher 3,8-9); aber jetzt “hören [wir …], dass einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles Mögliche treiben, nur nicht arbeiten” (ebd., 3,11). Die Konsequenz ist logisch: Ausgrenzung! “Haltet euch von jedem Bruder fern, der ein unordentliches Leben führt” (ebd., 3,6); “merkt ihn euch und meidet den Umgang mit ihm, damit er sich schämt” (ebd., 3,14)!

Ja, schämt euch: “Einem beschmutzten Stein gleicht der Faule, jeder ruft Pfui, weil er ekelhaft ist. Einem Ballen Kot gleicht der Faule, jeder, der ihn berührt hat, schüttelt sich die Hand ab” (Jesus Sirach 22,1-2). Amen!

Klingt das vertraut? Klingt das zu hart? Dann kann man diese Denke gerne auch als die “Entfremdung der Sozialdemokratie von den sozial Schwächeren” umschreiben. Das nimmt den Sanktionen allerdings wenig von ihrer Schärfe. Es ist leider so, damals wie heute:

Wenn sich die Gesellschaft die Unterschicht anschaut, dann immer mit den Augen der Mittelschicht. Eine Gruppe mit Geld, Macht und Wissen beurteilt aus ihrer Warte eine Gruppe ohne Geld, ohne Macht, ohne Wissen – oder jedenfalls nicht mit dem Wissen, das als […] Bildung anerkannt ist. Es ist der Blick der entscheidenden Stellen. In der Politik, in den Redaktionen, den Verlagen, den Ämtern, den Universitäten. Die Mittelschicht bestimmt die Sichtweise.

Zur Lektüre: Die Bibel online. Alle Zitate sind der Einheitsübersetzung entnommen.

Was das Wasser weiß

Was der Mund sagt, muss die Seele zu verzeihen lernen.
In den Augen der realen Welt ist eine Ratte so moralisch wie ein Mönch.
Trotzdem: Das Herz ist ein Fluss,
der sich aus sich selbst speist, ein Fluss, der nicht zu überqueren ist.

Es weitet sich zu einer Bucht
und wendet sich bei Flut gegen sich selbst zurück,
es trägt den Schrei des Seetauchers und die Salze
des unaussprechbar Menschlichen.

In der Ferne schwebt ein Adler in die Mündung eines Flusses
die Lachse wandern nicht mehr, und seine weiten Flügel gleiten
stromaufwärts ehe er
in das Nichts verschwindet, aus dem er kam.

Allein der Gedanke bleibt. Ohne den Scharfsinn des Adlers
oder die Weisheit des Sperlings: Wohin wende ich mich,
in Trauer versinkend? Wer teilt bald, was die Bäume wissen,
wer die Spinnengeduld eines jungen Ahorns, oder wer die Bekenntnisse der Weiden?

Lass mich Wasser sein. Das Herz strömt in Wellen.
Höre, was das Wasser sagt.
Wind, sei mir ein Freund.
Es gibt nichts, das ich nicht vergeben könnte.

Sam Hamill, “What the Water Knows”, aus: Almost Paradise: New and Selected Poems & Translations. Shambhala Publications, Boston 2005. Das englische Original gibt es auf lyrikline sowohl zu lesen als auch zu hören.

mit sieben Siegeln

Angenommen, ich hätte ein Fahrzeug. Mit abgelaufenem TÜV. Und zur erneuten Zulassung würde ich das Fahrzeug guten Gewissens vor der Haustür stehen lassen und in der Werkstatt darauf bestehen, die Verkehrssicherheit ebenjenes Fahrzeugs anhand der Zulassungspapiere, des Checkhefts, der gefahrenen Kilometer und der Benzinquittungen zu bewerten. Man würde mich für unzurechnungsfähig erklären, eine Zulassung “nur nach Aktenlage” zu verlangen.

Einen Kernreaktor dagegen prüft der TÜV Rheinland gerne “nur nach Aktenlage“. Einer der Gründe, warum der Berliner Experimentier Reaktor am Wannsee dieser Tage wieder in Betrieb genommen worden ist. Aktuelle Überblicke dazu von der Morgenpost und vom rbb.

Völlig losgelöst …

Norbert Geis (Bundestagsabgeordneter der CSU und “Rechtsexperte”) vorhin im Deutschlandfunk zur Überlegung, ob es nicht moralische Bedenken gäbe, dass Lothar Hagebölling als enger Vertrauter Christian Wulff den Ehrensold gewährt habe:

Das hat so ein Geschmäckle, wenn Sie sagen, das hat einer beurteilt, der den Wulff gut kennt und der dem frühreren Präsidenten gedient hat als Beamter. Ein Beamter dient nicht irgendeiner Person, sondern ein Beamter dient seinem Amt! Und das muss man auch erkennen, und darauf sind wir Deutsche ja auch stolz, dass wir den Beamten haben, der völlig losgelöst von irgendeiner politischen Meinung sein Amt versieht! Und das hat dieser Mann getan, und jeder in Deutschland, der ein bisschen rechtskundig ist, weiß, dass dieser Mann, der dies so entschieden hat, kein umsichtiges [sic] Urteil gefällt hat und richtig gehandelt hat. Hätte er so nicht gehandelt, wie er gehandelt hat, hätte er nicht rechtmäßig gehandelt – auch das muss man einmal erkennen. Das ist auch eine moralische Frage, und man darf diesen Menschen, die so geurteilt haben, und die dem früheren Präsidenten den Anspruch zubilligen, weil er rechtens ist, den darf man doch keinen Vorwurf machen.*

Audio-Link: Norbert Geis (CSU) im Deutschlandfunk zum Thema Ehrensold, 3. März 2012 (mp3)

Sold, wem Sold gebührt

Natürlich ist Herr Wulff aus politischen Gründen zurückgetreten: Er hat seinen politischen Vertrauensvorschuss eingebüßt, weil seine privaten Verwicklungen zu einem Politikum gemacht worden sind. Er ist politisch nicht mehr tragbar gewesen.

Dass ihm deshalb aber der Ehrensold zustehen soll, kann ich nicht im Geringsten nachvollziehen. Rechtlich, heißt es aus dem Bundespräsidialamt im Anschluss an eine interne Prüfung, seien die Umstände eindeutig; die jährlich knapp 200.000 Euro stünden ihm zu. Eine Begründung – wo kämen wir da hin?! – ist nicht mitgereicht worden. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestags beurteilt die Sachlage unterdessen entgegengesetzt – weshalb es umso pikanter ist, sich in Erinnerung zu rufen, unter wessen Federführung das Bundespräsidialamt die Entscheidung zugunsten Herrn Wulff getroffen hat. Das Amt untersteht nämlich Lothar Hagebölling, einem »engen« (FTD) und »langjährigen Wulff-Vertrauten« (Stern), der »treu, verlässlich, verschwiegen, eisern beamtisch« (FTD) eine »tatbestandlich gebundene Entscheidung, [und] keine Ermessensentscheidung« gefällt habe; »ein Verwaltungsakt«, so möchte es die kommissarische Sprecherin seines Hauses kommunizieren (Augsburger Allgemeine). Bedenklich nur, dass Herr Hagebölling in mehr als besonderer Weise mit Herrn Wulff vertraut ist, wie Jens Berger auf den Nachdenkseiten herausstellt: »[A]ls ehemaliger Chef der niedersächsischen Staatskanzlei – z.B. wegen des Nord-Süd-Dialogs – [steht er] selbst im Fokus der Ermittlungen.«

Man muss nun nicht wie Berger sogleich daraus ableiten, dass der Bundestag über die Gewährung des Ehrensolds an Wulff abstimmen möge, damit »das Volk sich ein Bild machen [kann], was seine Vertreter von der fürstlichen Apanage für einen ehrlosen Ex-Präsidenten halten.« Auf diese Weise schürt man nur die Hysterie gegen Wulff, anstatt die Debatte um die Formalitäten des Ehrensolds nahe an der Sache zu führen. Aber da erst recht stellt sich dann die Frage: Was, bitte, falls sich überhaupt welche eröffnen, sind denn die Optionen?