Wir brauchen einen glaubwürdigen neuen Vorschlag für Wirtschaftsreformen und Wachstum[,]

heißt es in einem offenen Brief europäischer Politiker, Wissenschaftler und Intellektueller zur Krise der Eurozone.

Zeichen des Feststeckens in ausgedienten Paradigmen. Das veraltete Wachstumsvokabular verleitet doch gerade dazu, in der Quintessenz gar nichts zu ändern.

Ex unum, pluribus

Wir bräuchten für den Menschen, für das Menschsein, eine Definition, die keine „genaue Bestimmung […] durch Auseinanderlegung und Erklärung seines Inhalts“ verfolgt; eine Definition, die nicht synektochisch, in pars pro totoisierender Verallgemeinerung, von der eigenen, aber unerwähnt herhaltenden peer group auf die Menschheit schließt; eine Definition, mit anderen Worten, die im vollen widersprüchlichen Sinn, der in der Vokabel angelegt ist, „ent-grenzt“. Diese Definition wäre – eben als Ent-Grenzung – in vollkommener (oder eher doch unvollkommener?) Offenheit deiktisch, hinweisend, soll andeuten: sie zeigte nicht auf, was Menschsein heißt, sondern ließe sich zeigen, was Menschsein sein kann: altersschwach, ängstlich, arbeitslos, arbeitsunfähig, Ausländer, Bekannter, bisexuell, blind, debil, dement, emotional oder sozial vernachlässigt, Frau, fremdsprachig, Freund, geh-, lern-, sprechbehindert, Kind, im Koma liegend, krebskrank, lesbisch, liberal, Mann, misshandelt, Mutter, Nächster, Patchwork, querschnittsgelähmt, religiös, schwul, stumm, traumatisiert, Vater, verdrängt, Verwandter, Zwitter, anders.

Menschsein ist keine abstrakte Kapazität eines Kulturkreises, und reicht – und das ist das Paradoxe an uns – über den Menschen hinaus. Den kleinen, stichelnden, englischen Aphorismus, demzufolge ich meinen Hund umso mehr schätzen lerne, desto mehr Bekanntschaften ich mit Menschen schließe, unterschreibe ich ohne Vorbehalte: Ich liebe meine Hündin sehr viel mehr als sehr viele Menschen. Was mich schließlich zurück zur De-finition führt: Menschsein ist Beziehungsbereitschaft zur sozialen und dinglichen Umwelt. Auch wenn sie nicht gewiss ist, soll sie – im Zweifel stets für den kritisch Beäugten, Angeklagten, Ausgegrenzten – vorerst unterstellt werden.

Individumeinschaft

Von Außen betrachtet ist Individualismus ja beileibe nichts Asoziales; seine „soziale“ Ader ist nur schwer zu fassen. Wenn man heute vermehrt sich anstatt miteinander kommuniziert, heißt das doch: Während Individualismus einerseits die Gemeinschaft, das Kollektive sprengt, bleibt er doch weiterhin – aber ich welcher veränderten Form? – auf beide angewiesen, an ihnen ausgerichtet.

pappesatt

Anbei – nach ungewollt langer Pause – die zweite Leseportion aus Barthes Wie zusammen leben. Ein Buch, das sich meiner langsamen, immer wieder unterbrochenen Lektüre zum Trotz nicht nur jeder Zusammenfassung, sondern überhaupt jeder Fassung, jeder Fassbarkeit verweigert.

Immerhin kann ich genau benennen, warum dem so ist: Weil ich Barthes’ Fragen ihrer theoretischen Leichtfüßigkeit zum Trotz so unbegreiflich ernst nehme. Wo liegt denn tatsächlich meine „kritische Distanz“ zum Nächsten, zur Gesellschaft, und wie regele ich diese teilweise unverschämt knapp bemessene Distanz? Wohin kann ich mich in meiner Beklommenheit, meiner akedia zurückziehen, wenn ich fassungslos, kopfschüttelnd vor dieser Zeit stehe, in die ich ohne mein Einverständnis hineingeworfen worden bin? Welche Konsequenzen ziehe ich aus dem

beharrlich wiederkehrende[n], andauernde[n] Moment des Überdrusses, des Gefühls, von unserer Lebensweise, unserem Verhältnis zur Welt […] genug zu haben[,]

weil mir der Rückzug, der Entzug, als einzig sinnvoller Zug erscheint? Das ist ganz offensichtlich meine eigentliche Aporie, mein nicht beschreitbarer, bestreitbarer Weg, den ich trotzdem auszumachen versuche: Ich möchte dieser Gesellschaft fremd werden.

mobiles from hell

Grünes Essen, grüne Klamotten, und selbstverständlich grüner Strom. Und das mit der grünen Technologie – das, ähh, haben wir gleich.

Mehr über die Metalle der Zukunft und einen Versuch, IT fair zu machen.

unter den gewölben der nacht

schon seit einiger zeit versank unsere stadt an ihren rändern und neigte sich unter den fantastischen gewölben der nacht. wir lebten in einem jener dunklen häuser, die so schwer voneinander zu unterscheiden waren. damit eröffneten sich endlose spielräume für verwechselungen. der falsche treppenaufgang, unvertraute balkone, unerwartete türen, sonderbare, leere innenhöfe. voller weitläufiger, verblasster spiegel, sank unsere wohnung tiefer aufgrund meiner mutter, endlos überall verstreut. manchmal in der nacht wurden wir von albträumen geweckt, schatten flohen seitwärts den boden entlang und die wände hinauf – die grenze des beinahen überschreitend. abscheulich vergrößerte schatten hefteten sich an meinen vater. er verbrachte ganze tage im bett, umgeben von mutter. er wurde beinahe wahnsinnig mit mutter. er war vereinnahmt, verloren, in einem riesigen schatten. von zeit zu zeit hob er die augen, als ob er zum luftholen an die oberfläche komme, und blickte sich hilflos um, und rannte in die ecke des zimmers. seine augen verdunkelten und leid schuf sich raum. das zimmer wuchs ins unermessliche, füllte sich mit geflüster, eine verschwörung zwinkernder augen, die sich zwischen den blumen an der wand allmählich öffneten. er tat so, als ob er versuchte, sich blindlings vorwärts zu werfen aus der dunkelheit. er beruhigte sich nur, wenn die tapete ihre blüten verlor. dann ließ er sich in seine gedanken fallen. er hielt den atem an und lauschte. er wollte sich das absurde nicht eingestehen. aber nachts wurden die forderungen deutlicher gestellt, wir hörten ihn mit gott reden wie gegen beharrliche ansprüche anbettelnd. und wir hörten hoch gewachsene und zunehmende wut, erstickende worte. wir hörten vaters stöhnen sich ins unvertraute entfernen. es war ein dialog, angeschwollen mit dunkelheit. ich hörte die stimme meines vaters. ich hörte die fenster klappern in einem sturm aus schluchzern.

übersetzt aus Jonathan Safran Foers Tree of Codes, S. 23-30.

Frondienst für das Immerneue

Wir agieren hilflos und genötigt; wir versinken in einem Sumpf immer neuer Angebote und Produkte, die konsumiert und ausprobiert werden wollen. Die Verwaltung des Alltags [… hat uns] ein Paradies geschaffen, in dem er [der Mensch] nicht glücklich wird.

Schrieb Metepsilonema kürzlich unter dem Titel Bejahen und Überschreiten; Leben und Widersprechen: Eine Kritik der Moderne. Sein Essay beschäftigt, bewegt mich. Und trotzdem ich ihn seit zwei, drei Wochen mit mir herumtrage, stocken mir die Gedanken, oder vielmehr: die Fragen. Woher rührt diese Nötigung zu immer wieder wiederholten Wahlen, die im Kern, mit Abstand betrachtet, ausschließlich ökonomisch plausibel erscheinen, aber keinen anhaltenden kulturellen Mehrwert mehr vermitteln? Woher dieses allgegenwärtige Gefühl der Not, der Ananke? Wie ist eine Gesellschaft gepolt, die trotz ihres materiellen Überüberflusses das Gefühl unbedingten Bedarfs aufrecht erhält? Wie muss sie gepolt sein, damit sie diesen Notbedarf aufrecht erhalten kann? Wie kommt es, dass das Verfügbare nicht nur besessen werden könnte, sondern besessen werden muss?

Büchersendung

Jene Bekannte, der ich just erst die Scans von Barthes Wie zusammen leben ans Herz gelegt habe, sucht Literatur: nämlich

verzweifelt etwas zum Thema „sich neu ordnen“, google hat da nur Tipps für Parteien, Lufträume und Gemeinden, tu mich schwer da den direkten Zusammenhang zu mir zu finden. Gutes Schriftstück? Bitte kein Tolstoi!

Gibt’s Empfehlungen?

translatio imperii

Im Rückblick auf die Bewegungen, die sich mehr oder weniger laut in mir vollziehen, war ich eine ganze Zeit lang sprachlos. Das ist wohl der grobe Grund dafür, dass das vergangene Jahr auf blendwerk in Zahlen eher mager ausfiel.

Nicht, dass sich die vielen Fragen, die mich immer beschäftigt haben, für mich erledigt hätten. Irgendwann hat es mir aber die Stimme verschlagen, ohne dass ich heiser geworden wäre. Was ich mit den 20 Posts im Jahr 2010 – auch für mich – zum Ausdruck bringen wollte, ohne es (mir) auf Anhieb begreiflich machen zu können, war nichts weniger als mein latenter Überdruss an meiner eigenen Art zu denken.

Ich schätze, ich habe, weil Denken ja doch Handeln sein soll, innerhalb des Nachdenkens nach Losungen und Lösungen gesucht, wie ich handeln soll – und dabei irgendwie irgendwo irgendwann auf der Strecke einen Aussetzer erlitten: Das abstrakte Denken gibt sicherlich Auskunft darüber, wie zu Handeln sei und wäre – aber kaum darüber, wie gehandelt werden kann. Die Gedanken sind frei, die gesellschaftliche Realität ist es allerdings leider kaum. Deswegen, lieber Karl, habe ich Barthes’ beiläufigen Gedanken zur Utopie überhaupt markiert: Weil wir jeder Veränderung nur „über das Ausmachen von Einzelheiten“ Weg machen können – und Einzelheiten in der Philosophie, selbst in der postkolonialen, kosmopolitischen Ethik keinen Platz haben. Das Philosophieren schafft Handlungsträume, keine Handlungsräume, zumindest nicht in den akademischen Laufrädern, in denen ich mich warmgelaufen hatte.

Deswegen die allmählichen „Übersetzungen“, von denen auf blendwerk bislang nur der kleinste Teil durchschimmert. Ich musste mich mir selbst übersetzen, mich für mich selbst verständlich machen. Ich konnte, wenn man es so formulieren wollte, mit meinen eigenen Veränderungen nicht ganz Schritt halten; folgen wollte ich ihnen dagegen sehr wohl. „Selbstfindung“ hat einen in meinen Ohren banalen Nachklang, bezeichnet aber doch halbwegs verständlich diese Zeit, in der ich mich sehr intentsiv selbst begleitet und befragt habe. Übersprungshandlungen waren erst das Fotografieren, dann nach und nach das Hobby, englische Lyrik (und seltener: Prosa) ins Deutsche zu übersetzen. Dann innerhalb kurzer Zeit knackige Veränderungen: Fünf Wochen Arbeit mit körperlich und geistig behinderten Kindern und Jugendlichen. Raus aus und weg von dem stillständigen Universitätsbetrieb. Seitdem Jugendsozialarbeit: Integrationshilfe in Kreuzberg, Schulhilfe mit emotional-sozialem Förderschwerpunkt in Pankow. Ohne formale Qualifikation. Beides Tätigkeiten, die sehr stark fordern, aber auch ungemein erfüllen – und mir ganz zu meinem Erstaunen sogar allmählich wieder Platz für das nachdenkliche Bloggen einräumen.

Wiederaufnahme also unter veränderten Vorzeichen. Eine meiner ersten Absichten dabei: Das alte Blog alteverything endlich hier im blendwerk einfließen zu lassen. Im Kern schwebt mir aber vor, alles Nichtige, in meinen Augen Nebensächliche zu verwerfen, alles Überdenkenswerte dagegen mit neuen Fragezeichen zu versehen. Das kann natürlich nur stückweise erfolgen, freut mich aber vor allem aus dem Grund, weil ich endlich wieder Zeit habe, um mir gelegentlich Zeit zu nehmen – translatio imperii im trauten Kleinen, unvertrauten Unbekannten.

Ein Barthes für alle

Kürzlich für eine Bekannte den ersten Teil der meines Erachtens nach wichtigsten Passagen aus Roland Barthes’ Vorlesung Wie zusammen leben zusammengescannt. Einwände auf die Frage, die Seiten auch hier zur Verfügung zu stellen, finde ich – abgesehen vom urheberrechtlichen Ärger, den ich mir eventuell einhandle – keine. Vorwarnend kann ich höchstens darauf hinweisen, dass die Auswahl der Dossiers natürlich meine eigene, subjektiv voreingenommene Beschäftigung mit Barthes’ Notizen spiegelt; meine Randkritzeleien und Seitenverweise machen das überdeutlich. Da aber schon in der Vergangenheit der Austausch über bestimmte Auszüge so nachdenklich inspirierend gewesen ist: Barthes – Wie zusammen leben (I).

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