Wir bräuchten für den Menschen, für das Menschsein, eine Definition, die keine „genaue Bestimmung […] durch Auseinanderlegung und Erklärung seines Inhalts“ verfolgt; eine Definition, die nicht synektochisch, in pars pro totoisierender Verallgemeinerung, von der eigenen, aber unerwähnt herhaltenden peer group auf die Menschheit schließt; eine Definition, mit anderen Worten, die im vollen widersprüchlichen Sinn, der in der Vokabel angelegt ist, „ent-grenzt“. Diese Definition wäre – eben als Ent-Grenzung – in vollkommener (oder eher doch unvollkommener?) Offenheit deiktisch, hinweisend, soll andeuten: sie zeigte nicht auf, was Menschsein heißt, sondern ließe sich zeigen, was Menschsein sein kann: altersschwach, ängstlich, arbeitslos, arbeitsunfähig, Ausländer, Bekannter, bisexuell, blind, debil, dement, emotional oder sozial vernachlässigt, Frau, fremdsprachig, Freund, geh-, lern-, sprechbehindert, Kind, im Koma liegend, krebskrank, lesbisch, liberal, Mann, misshandelt, Mutter, Nächster, Patchwork, querschnittsgelähmt, religiös, schwul, stumm, traumatisiert, Vater, verdrängt, Verwandter, Zwitter, anders.
Menschsein ist keine abstrakte Kapazität eines Kulturkreises, und reicht – und das ist das Paradoxe an uns – über den Menschen hinaus. Den kleinen, stichelnden, englischen Aphorismus, demzufolge ich meinen Hund umso mehr schätzen lerne, desto mehr Bekanntschaften ich mit Menschen schließe, unterschreibe ich ohne Vorbehalte: Ich liebe meine Hündin sehr viel mehr als sehr viele Menschen. Was mich schließlich zurück zur De-finition führt: Menschsein ist Beziehungsbereitschaft zur sozialen und dinglichen Umwelt. Auch wenn sie nicht gewiss ist, soll sie – im Zweifel stets für den kritisch Beäugten, Angeklagten, Ausgegrenzten – vorerst unterstellt werden.