Irgendwie ist die Luft raus. Die Motivation aufgefressen. Der Bock macht Winterschlaf. Seit der Bundestagswahl, den anschließenden Koalitionsverhandlungen und der Regierungsbildung hab’ ich nicht mal im Ansatz wirkliche Lust, Bestandsaufnahmen, Vermutungen auszuformulieren, überhaupt: mich größeren Überlegungen hinzugeben.
Ich bin also mal nach nebenan: den Blick verschieben. Die Welt mal mit anderen Augen sehen lernen.
Ha! – waren das Berufsorientierungspraktikum beim Industriefotografen mit Sechzehn und ein Fast-Volontariat doch nicht ganz umsonst. Aufgrund jüngerer Inhaltsverschiebungen hätte man es unter Umständen erahnen können: blendwerk ‘flickr’t. [Der Blogozentriker vermutet nicht ganz zu unrecht, dass dahinter eine Post-Wahldepression steht ... aber dazu mehr bei baldiger Gelegenheit.]
Der kurze Ausschnitt aus seiner jüngsten Pressekonferenz macht bereits die große Runde. „Es ist Deutschland hier …“ – und das bedeutet: Mit der feinen englischen Art ist Herr Westerwelle noch nicht ganz vertraut.
Die Welt verteidigt Westerwelles abweisende Worte mit dem blassen Hinweis darauf, er habe sich lediglich an diplomatischen Gepflogenheiten orientiert und auf sein Hausrecht bestanden, Rede und Antwort in seiner Muttersprache zu stehen. That’s eindeutig besides the point, denke ich: Der Ton macht [zwar auch] die Musik. Die [eigentliche] Brüskierung [Update 30.09.] besteht darin, dem britischen Journalisten noch nicht einmal einräumen zu wollen, auf Englisch zu Wort kommen zu dürfen. What a Geste … aber erfahren die Bundesbürger – indem sie aller Wahrscheinlichkeit nach bezeugen dürfen, wie sich einmal mehr ein Politiker eines Ministeramts annimmt, für das er sich nie qualifiziert hat. Westerwelle ist seinem Profil nach ein Kandidat für das Amt Schäubles.
Daraus ergibt sich neben anderen auch die Frage, ob man in Belangen der Ämterbekleidung zukünftig breitere Mitsprache verlangt? Oder muss man Parteien und Koalitionspartnern tatsächlich diesen Freiraum gewähren?
[Update 01.10.09: Nochmals ein Nachtrag: Die Süddeutsche Zeitung über das "Vertrauen in die Hinterzimmer": "Die deutsche Art der politischen Blankovollmacht läuft auf eine Demokratie fast schon blinder Vertrauensseligkeit hinaus" (Link).]
Merkzettel an mich: Mit rhetorischen Verfremdungseffekten in Zukunft vorsichtiger umgehen. Denn das Ressort Politik der Zeit interpretiert meine kürzliche Nachfrage – offenbar in Folge überlanger Kommunikationswege – inzwischen nicht mehr als Leseranfrage, sondern als zwielichtige „Umfrage“.
Sehr geehrter Herr Ortmeier,
es tut mir leid, dass Sie von Herrn Ulrich noch keine Antwort erhalten
hatten. Leider hat er für eine Teilnahme an Umfragen keine Zeit.
Mit der Bitte um Verständnis und freundlichen Grüßen
Frauke Ahlborn
- Sekretärin Ressort Politik -
DIE ZEIT
Buceriusstraße
Eingang Speersort 1
20095 Hamburg
Sie haben offenbar noch keine Gelegenheit gefunden, mir zu antworten – dabei decken sich meine Fragen doch offensichtlichst mit dem Anliegen Ihrer aktuellen Umfrage. Auch ich wollte von Ihnen wissen, ob Sie „die Berichterstattung in den Medien [als] seriös, umfassend und ausgewogen“ einschätzen. Die Befragung nähme sicherlich ebenfalls nur 2 Minuten Ihrer Zeit in Anspruch. Das Ergebnis veröffentliche ich auf meinem Blog blendwerk.
Als Dank für Ihre Teilnahme würde ich tatsächlich ein erneuertes Abonnement Ihrer Wochenzeitschrift in Erwägung ziehen!
Internet ist wenn die Masse zurückschreibt. Im weitesten Sinn natürlich „zurückschreibt“: Formate Kanäle Archive wuchern wachsen variieren. Broadcast yourself – Sender zum Selbermachen. Trotzdem bleibt der eigene Rechner, das eigene Smartphone Multi-, nicht Massenmedium: Sie erlauben die Nutzung des Netzes als eine „Apparatur der Replik“*, die den etablierten, klassisch massenmedialen „Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis“* durchbricht.
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* Theodor Adorno & Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung. Frankfurt/Main: Fischer (16. 2006), S. 129-130.
Im Prinzip ist jede (Zweit)Stimme über eine kleine Partei Wasser auf die Mühlen von Schwarz-Gelb. Bekommen die „anderen“ 6-7%, könnte es sein, dass S-G mit 46% noch die absolute Mehrheit der Sitze hat.
Meinte Herr Keuschnig gestern – und sorgt indirekt jetzt dafür, dass ich meine „leichte Tendenz“ für die Grünen überdenke. Wenn „Schwarz-Gelb verhindern!“ das vorrangige Ziel der Wahl ist, darf die eigene (Zweit)Stimme am 27. allein einer Partei gutgeschrieben werden: der SPD. Eine ärgerliche, aber taktisch richtige Bestandsaufnahme. Denn die Grünen weigern sich beharrlich, feste Position zu beziehen; sie halten sich, wie es im Politjargon schwammig heißt, „offen für Gespräche“. Eigentlich bedeutet das ja hintenrum: „Wir sind bereit, über unsere Parteigrundsätze zu verhandeln.“ Solange der Wunsch nach erneuter Regierungsbeteiligung zwischen jeder Zeile jeder ihrer aktuellen Erklärungen geschrieben steht, muss man damit rechnen, dass sie sich von der Aussicht auf Schwarz-(Gelb)-Grün verführen lassen.
Adieu also an jede sogenannte „Wahlalternative“. Traurig, aber wahr: Rot-Grün als naheliegendste Gegenregierungskoalition hat also nur unter einer Bedingung eine realistische Chance: nämlich unter einer möglichst starken SPD, die die Grünen an sich zu binden imstande ist.
[Nachtrag 22.09. - Doch noch feste Positionen: Der Stand der Dinge bei Herrn Keuschnig.]