„Wir haben die Welt nicht von unseren Eltern geerbt, sondern nur von unseren Kindern geliehen“, hat man mal gesagt. Heute geht es uns, für uns, um „Nachhaltigkeit“, und zitiert anstelle eines „alten indianischen Sprichworts“ regionale Positionspapiere, den Fortschrittsbericht 2008 zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie oder die EU-Strategie für Nachhaltige Entwicklung, allesamt Entwürfe weitsichtiger, vorausschauender, verträglicher Haushaltsnutzung. Maßgeblicher Bezugspunkt für das Gros aktueller Ausblicke ist nach wie vor der 1987 veröffentlichte Bericht Our Common Future der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, in dem Nachhaltigkeit als grünes Wachstum, technischer formuliert: als Kompromiss zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum verstanden wird. Das gesamte Dokument ist um die Vision herum angelegt, „heutige Bedürfnisse zu befriedigen, ohne die Überlebensfähigkeit zukünftiger Generationen einzuschränken“. Der Kerngedanke, nur so viel zu ernten wie man sät, zählt inzwischen zu den Grundsätzen des reflexivmodernen common sense: Nachhaltigkeit – das ist mit Verlaub nichts weniger als eine längst überfällige Übersetzung des Gesellschaftsvertrags in einen übergreifenden Generationenpakt; eine verzeitlichende Interpretation des Satzes Rosa Luxemburgs, dass meine Freiheit dort aufhört, wo die meines Nächsten beginnt.
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Der Blick auf diese Zukunftsdebatte verschiebt sich abrupt, sobald man das Schlagwort Nachhaltigkeit seines positiven Bedeutungskerns beraubt, um ihn etwas nüchterner als Langfristigkeiten zu betrachten. Denn das Adverb „nachhaltig“ verweist im weitläufigsten Sinn auf Strukturen, die das eigene Umfeld „auf längere Zeit anhaltend und wirkend“ prägen. Und was eine Rückschau auf die vergangenen vier Jahrhunderte Globalgeschichte lehrt, ist der Umstand, dass mehr noch als einzelne Strukturen ganze Systeme unsere Gegenwart „anhaltend und wirkend“ gestalten – und dies mit keiner unbedingt positiven Bilanz. Postkoloniale Geschichte kennt in diesem entstellenden Sinn kein anderes Thema: die anhaltende Gegenwart, die noch nicht bewältigte Geschichte, eben: die „Nachhaltigkeit“ des europäischen Kolonialismus und Imperialismus. Sie zeigt sich „concerned with colonial history only to the extent that that history has determined the configurations and power structures of the present, to the extent that much of the world still lives in the violent disruptions of its wake“, wie Robert Young in einem der Standardwerke des Fachs schreibt (Robert Young, Postcolonialism: An Historical Introduction. Oxford: Blackwell, 2001, S. 4).
Wer nun erwartet, dass ich Europa linksrevisionistisch unter historischen Generalverantwortung stelle und postkoloniale Eliten ihrer sozialen, wirtschaftlichen und machtpolitischen Verwicklungen freispreche, deutet meine Skepsis falsch. Ich bestehe allein auf die Notwendigkeit, europäische Sichtweisen zu verkomplizieren. Denn ein unvollständiger Rückblick auf unsere Geschichte – und Kolonialismus und Imperialismus einschließlich seiner Nachhaltigkeiten zählen zu unserer Geschichte – zieht unweigerlich ein lückenhaftes Verständnis unserer Gegenwart nach sich. Und dass die Aufarbeitung europäischer Kolonialgeschichte nach wie vor ausgeblendet wird, obwohl sie auch ein Stück Globalisierungsgeschichte wäre, führt bedauerlicherweise dazu, dass wir gegenwärtig im Entstehen begriffene Nachhaltigkeiten – und ihre Rückkopplung mit bereits bestehenden Nachhaltigkeiten – konsequent übersehen. Diese Verdrängung gefährdet auf lange Sicht die Visionen, die wir heute, für unsere kommenden Generationen, formulieren. Unsere Entwürfe drohen sich im Sinne Ernst Blochs als „rationale Utopien“ leer zu laufen, in denen „das Gegebene […] sich der Idee zu fügen“ hat. Im Ergebnis kommt „der [utopische] Gedanke nicht zur Wirklichkeit“, weil „die […] Wirklichkeit nicht zum Gedanken“ findet (Ernst Bloch, Freiheit und Ordnung, Abriß der Sozialutopien. Leipzig: Reclam (1985), S. 136).
Ich will versuchen, diese Mahnung konkret zu machen. Man spiele also idealisierten Fall durch, die Kernbereiche der Europäischen Nachhaltigkeitsstrategie -
1. Stabilisierung des Weltklimas durch Begrenzung der Treibhausgasemissionen und Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien; 2. Sicherung einer nachhaltigen Verkehrspolitik durch die Reduktion des Verkehrsaufkommens, die Förderung umweltfreundlicher Verkehrsmittel und die Internalisierung der externen Kosten im Verkehrsbereich; 3. Sicherung der öffentlichen Gesundheit – Reduktion giftiger Stoffe in der Umwelt, Lebensmittelsicherheit und Maßnahmen gegen antibiotische Resistenz von Bakterien; 4. Verantwortliches Management der Ressourcen; 5. Bekämpfung der Armut (Ziel der Lissabon-Strategie); 6. Demographische Entwicklung und Überalterung (Ziel der Lissabon-Strategie),
samt ihrer
wichtigste[n] Querschnittmaßnahmen: 1. Integration von Umweltzielen in die einzelnen Sektorpolitiken; 2. Maßnahmen zur Preispolitik, um die wahren Kosten verschiedener Produkte und Dienstleistungen zu integrieren; 3. [die Intensivierung von] Forschung und Ausbildung (Quelle) -
würden nahtlos umgesetzt. Man muss nicht bei Harald Welzers dystopischer Studie Klimakriege ansetzen, um die mittelfristig wahrscheinlichste Realisierungsvariante der Nachhaltigkeitsziele zu skizzieren: Ein Europa, das seine wohlständische Festung zu einer ökologischen Insel der Nachhaltigkeit ausgebaut haben wird. Die im Juni 2006 verabschiedete „Erneuerte EU-Strategie für Nachhaltige Entwicklung“ formuliert die gesetzten Prioritäten unmissverständlich (S. 2): „eine dynamische Wirtschaft und Vollbeschäftigung sowie ein hohes Maß an […] sozialem und territorialem Zusammenhalt“. Ganz richtig: Vollbeschäftigung. Dynamisches Wirtschaftswachstum. Sozialer und territorialer Zusammenhalt. Damit gewinnt die Prämisse, „heutige Bedürfnisse zu befriedigen, ohne die Überlebensfähigkeit zukünftiger Generationen einzuschränken“, ein eindeutiges geographisches Gesicht. Sie ist exklusiv europäisch.
Damit drohten bereits heute bestehende und eng verflochtene Ungleichheitstendenzen sich zu verschärfen. Nachhaltige Industrialisierung und Dienstleistung kostet – und ist damit tendenziell nur für die Gesellschaften finanzierbar, die heute bereits gewinnbringend wirtschaften. Gleichzeitig versprechen die weitreichenden Investitionen in Technologie und Know-how immense Gewinne zu generieren. In der Folge wird sich dieser ökologische Zusammenhalt, diese grüne Abschottung, fraglos auch wirtschaftlich spiegeln. Für diejenigen Staaten hingegen, die schon heute als Globalisierungsverlierer gelten, und selbst für viele Schwellenländer, bleibt nachhaltige Entwicklung kaum leistbar. Nachhaltigkeit wird für sie an den wohlwollenden Service der Europäischen Union geknüpft. Der wohl größte Selbstbetrug wäre allerdings ein pseudonachhaltiges Europa, das nach innen ergrünt und nach außen weiterhin neoliberal-selektiv über seine ganz und gar unnachhaltige Versorgung mit (Basis)Rohstoffen verhandelte. Das wäre die Geburt einer Weltrisikogesellschaft, in der Europa die Gefahren auslagert, die es selbst nicht zu bändigen imstande ist.
Das vielleicht als sehr grobe Richtungsanzeige, die Entwicklung für Wenige und Instabilität für alle ankündigt. Wir Europäer müssen – müssen! – daher anstelle der Aufbrüche unsere Verhedderungen aufarbeiten, um ein Verständnis und einen Blick dafür zu gewinnen, dass und wie stark strukturelle Abhängigkeiten mit anderen Weltregionen bestehen und fortbestehen werden. Die Tatsache, dass ein grünes Europa auch ein noch deutlicher globalisiertes Europa wird, scheinen die Nachhaltigkeitsstrategen zu verdrängen. Es ist schlicht und ergreifend weltentfremdet, sich einzubilden, unser Heute sei bedingungslos und unsere Zukunft doch noch irgendwie jenseits aller Zwänge frei gestaltbar. Daher der ethische Imperativ zum Altruismus, den man um der austrocknenden Motivation willen auch als Egoismus verstehen kann – wenn man denn heute bereits so intelligent und weitsichtig ist, die eigene, provozierende Überbevorteilung langfristig als nachhaltige Selbstgefährdung zu begreifen. Dafür aber haben sich die Europäer bislang noch nicht das schmerzliche, aber notwendige Eingeständnis abgerungen, dass ihre Wahrheiten von Gestern zu Fehlern der Gegenwart verwachsen sind. Denn erst damit stießen wir zum eigentlichen, vielleicht kulturphilosophischen Kern des Problems vor: Eingedenk der bestehenden und im Entstehen begriffenen Nachhaltigkeiten lässt unsere gegenwärtige Ausgangslage es überhaupt nicht zu, Wirtschaftswachstum und Ökologie auf einen tiefgrünen Nenner zu bringen. Der Glaube an die Lösung, mehr noch: an die Aufhebung dieser ungleichen Gleichung, beruht ja auf zwei sehr naiven Annahmen. Zum einen nämlich der, die (globale) Marktwirtschaft könne sozusagen sozialisiert werden, um uns in gebändigter Manier alle grün und glücklich werden zu lassen. Wäre alles Bio, lebten wir nicht nur nachhaltiger und gesünder, sondern auch fairer und einträchtiger. In dieser Vision versteckt sich darüber hinaus aber zweitens der sture, wissenschaftsverwurzelte Irrglaube, man könne jetzt, gegenwärtig, bereits nachhaltig andeuten, was in der und für die Zukunft gut sei – als ob man schon heute den Grundstein für die beste aller möglichen Welten setzen könnte. Auf diese zukünftig ausgerichteten Vorausversicherungen müssen wir zügigst verzichten lernen. Effektive, ehrliche Nachhaltigkeit verlangt nämlich nach absoluter Gegenwärtigkeit, nach einer ausschließlichen Verankerung im Jetzt. Nachhaltigkeit ist Vorläufigkeit.
Wie das? Ein Vorläufer ist ein Denker verschiedener Zeiten – seiner eigenen und der seiner Fortsetzer, seiner Nachfolger. Weil er weiß, dass die Zukunft nicht nur das ist, was auf ihn zu kommt, sondern auch das, was ihm zukommt – mit anderen Worten: seiner Verantwortung untersteht, versucht er unter allen Umständen zu vermeiden, die Zukunft mit einer Vergangenheit zu konfrontieren, für die sie, die Zukunft, nicht verantwortlich ist. In diesem Sinne handelt er minimal und beschränkt sich auf das für ihn Notwendigste, in dem er Langfristigkeiten, Nachhaltigkeiten, zu vermeiden versucht.
Wonach diese Vorläufigkeit verlangt, sobald sie ins Pragmatische übersetzt werden soll, macht Ulrich Beck deutlich: „Wir müssen […] Entwicklungsvarianten wählen, die die Zukunft nicht verbauen und den Modernisierungsprozeß selbst in einen Lernprozeß verwandeln, in dem durch die Revidierbarkeit der Entscheidungen die Zurücknahme später erkannter Nebenwirkungen immer möglich bleibt.“ (Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt (Main): Suhrkamp (1986), S. 294).
Nachhaltigkeit also als Revidierbarkeit, als Rücknahme und Selbstzurücknahme – das ist die nicht die ultimative, sondern die einzige, bescheidene Leitlinie. Unser gegenwärtiger Kurs dagegen ist nachhaltiger Ökoismus – ökologischer Egoismus.

