Man bekommt – und ich staune noch immer darüber – ein sehr bodenständiges Gefühl für die zunehmende Schärfe, mit der unser Sozial- und Wohlfahrtsstaat konfrontiert ist, wenn man in unserem Buch der Bücher, der Bibel, nachschlägt. Was dort zum Stichwort “Arbeit” zusammengetragen steht, ist leider ganz auf der Höhe unserer Zeit. Ich erinnere mich noch vage daran, wie Gerhard Schröder seinerzeit als Bundeskanzler Kontroversen provoziert hat, als er seine Position zur Höhe des Arbeitslosengeld II-Regelsatzes mit der nächstliebenden Regel flankierte: “Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen” (2. Thessalonicher 3,10). Die da unten wollen ja auch einfach überhaupt nicht. Amen.
Im Kern argumentierte Schröder damit eigentlich sehr bibeltreu. Der Auftrag “Arbeit!”, könnte man scherzhaft überspitzend zurückblicken, stand von Beginn an – “bevölkert die Welt, unterwerft sie euch” (1. Mose 1,28) – auch wenn die Unterwerfung schon bald, mit der Vertreibung aus dem Paradies, mühselig wird: Der Mensch muss seine Versorgungsengpässe fortan selbst schließen, im Schweiße seines Angesichts (1. Mose 3,14-19). Folglich findet man unter den Ratschlägen Kohelets die Anleitung zu tatkräftigem Handeln:
Am Morgen beginne zu säen, auch gegen Abend lass deine Hand noch nicht ruhen; denn du kannst nicht im Voraus erkennen, was Erfolg haben wird, das eine oder das andere, oder ob sogar beide zugleich zu guten Ergebnissen führen (Prediger 11,6).
Wichtig ist hier schon der Umkehrschluss: “Ist einer träge, so senkt sich das Gebälk, lässt er die Hände sinken, so dringt der Regen ins Haus” (Prediger 10,18). Immer schön anpacken. Work around the clock. Denn Trägheit – das wissen Schröder und ähnlichdenkende Stammtischwähler ganz genau! – ist ja die Grundursache aller Langzeitarbeitslosigkeit. Weshalb sich der Kanzler ja der deutlichen Ansage bediente (ich zitiere nochmal), wer nicht arbeiten wolle, solle auch nicht essen.
Es lohnt sich ein genauer Blick auf den Zusammenhang, in dem dieser Merksatz ausgesprochen wurde – nicht bei Schröder, sondern in der Bibel. Die acht Worte sind die direkteste Botschaft an die Faulenzer und Nichtstuer, eine “Zurechtweisung der Müßiggänger”. Das bedauerliche ist nicht, dass sie vor über 2012 Jahren festgehalten worden sind, sondern dass diese Zurechtweisung mehr als 2012 Jahre später, weit ihrer Zeit entrissen, noch immer in jedem Vorurteil, in jedem Gemeinplatz gegenüber Sozialhilfe- und Arbeitslosengeld II-Empfängern weiterklingt: “[W]ir”, die ehrlich Arbeitenden, “haben uns gemüht und geplagt” – “Tag und Nacht haben wir gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen”, denn – na klar! – “wir wollten euch […] ein Beispiel geben, damit ihr uns nachahmen könnt” (2. Thessalonicher 3,8-9); aber jetzt “hören [wir …], dass einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles Mögliche treiben, nur nicht arbeiten” (ebd., 3,11). Die Konsequenz ist logisch: Ausgrenzung! “Haltet euch von jedem Bruder fern, der ein unordentliches Leben führt” (ebd., 3,6); “merkt ihn euch und meidet den Umgang mit ihm, damit er sich schämt” (ebd., 3,14)!
Ja, schämt euch: “Einem beschmutzten Stein gleicht der Faule, jeder ruft Pfui, weil er ekelhaft ist. Einem Ballen Kot gleicht der Faule, jeder, der ihn berührt hat, schüttelt sich die Hand ab” (Jesus Sirach 22,1-2). Amen!
Klingt das vertraut? Klingt das zu hart? Dann kann man diese Denke gerne auch als die “Entfremdung der Sozialdemokratie von den sozial Schwächeren” umschreiben. Das nimmt den Sanktionen allerdings wenig von ihrer Schärfe. Es ist leider so, damals wie heute:
Wenn sich die Gesellschaft die Unterschicht anschaut, dann immer mit den Augen der Mittelschicht. Eine Gruppe mit Geld, Macht und Wissen beurteilt aus ihrer Warte eine Gruppe ohne Geld, ohne Macht, ohne Wissen – oder jedenfalls nicht mit dem Wissen, das als […] Bildung anerkannt ist. Es ist der Blick der entscheidenden Stellen. In der Politik, in den Redaktionen, den Verlagen, den Ämtern, den Universitäten. Die Mittelschicht bestimmt die Sichtweise.
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Zur Lektüre: Die Bibel online. Alle Zitate sind der Einheitsübersetzung entnommen.